Europa - USA - Brasilien

Adventskantaten rund um den Globus

Beim Umfang von Telemanns und J.S. Bachs Kantatenwerk wundert es nicht, dass namhafte Verlage deren der Adventszeit gewidmete vokal-instrumentale Gebrauchsmusik für die vier Sonntage vor Weihnachten in eigenen größeren Ausgabe edierten. Motetten und Messen für diese Zeit gab es bekanntlich schon früher als zu den Lebzeiten der beiden Barockkomponisten; ihre Geschichte beginnt spätestens mit der Renaissancepolyphonie.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Thomas Gabriels Adventskantate etabliert sich als fester Bestandteil des Adventsrepertoires (Schott Music, ISBN 13: 978-379574911-8).

Uns interessiert hier mindestens ebenso sehr die Ausbreitung adventlicher mehrteiliger Vokalmusik weltweit, die im 20. Jahrhundert angesichts der Bedrohungen durch die Kriege und die Wirtschafts- und Bankenkrise der 1920er Jahre an Bedeutung und damit auch quantitativ zunahm. Hierzulande denkt man an Peter F. Schneiders Tröstet mein Volk (2018), das die Mitwirkung eines afrikanischen Chors vorsieht, Gabriel Thomas‘ Adventskantate (2014) oder Otto Abels O Heiland reiß die Himmel auf! (1956). Im südlichen deutschsprachigen Raum mit seiner dichten Repräsentation der Musik zur Vorweihnachtszeit sind manche nicht nur auf dem Schaffen eines Komponisten basierende Vokalwerke regional tief verwurzelt, etwa die Sextner Adventskantate oder der Icker Advent von Michael Schmoll. Zur vorweihnachtlichen Orgelmusik trug in Frankreich Olivier Messiaen mit gänzlich anderen Tönen bei.

Die Adventskantate des Briten Michael How rekurriert auf eine umfangreichere Kantate (ISBN )

In englischsprachigen Sphären erweisen sich die auf alten und neuen Kirchenliedern und eigenen Texten sowie Melodien beruhenden Adventskantaten von Michael How und Joseph M. Martin als äußerst populär und zählebig. Ersteres Werk geht auf die größer angelegte Kantate Alpha and Omega zurück und sieht in der Besetzung eine Sopranistin, einen Sprecher, zwei Chöre, solistische Geige, Pauken und Orgel vor, während der Texaner Martin mit Ceremony of Candles neben seinem Advent Hymn ein großes Publikum erreichen möchte, jedoch mit originellen Einfällen seine Hörerschaft (selbst in der Carnegie Hall) überrascht.

Jaraguá do Sul im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina: Unter den Lutheranern hier ist die Adventskantate in anderer Form bekannt (4.7.2015, Giro720, CC-Liz.).

Die Bezeichnung „Cantata“ in Südamerika folgt einer breiter ausgelegten Vorstellung, die von dem eher starren Konzept der älteren europäischen Kunstmusik in streng festgelegter Ordnung aus Chorälen, Chören, Rezitativen und Arien deutlich abweicht. Der ganze Gottesdienst als solcher einschließlich Lesungen ist „Kantate“, wie das Beispiel aus der lutheranischen Paróquia Apóstolo João von Jaraguá do Sul zeigt: Hier versteht man darunter die sich nach dem Ritus richtende Abfolge aus Gebeten, Bibellesungen, Predigtansprache, Musik „aus Freude“ und dem gemeinsamen After Mass in geselliger Runde.

Georg Böhms Adventskantate erklang vor einer Woche in der Dreikönigskirche Frankfurt am Main (Gerda Arendt, 29.11.2020, CC-Liz.).

Von offenen Formen der Darbietung und der Mitwirkung ließen sich spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kantatentraditionen in Europa anstecken: Peter F. Schneiders Tröstet mein Volk bezieht die Gemeinde ausdrücklich mit in die Darbietung ein, ebenso wie selbstverständlich manches geistliche Stück Joseph M. Martins, wobei natürlich der Einfluss der afroamerikanischen Auffassung der Gottesdienstfeier und das teils charismatische Verständnis der zahlreichen Freikirchen selbstredend eine große Rolle spielt.

 

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.