Korte Metten (20)

20/20 – Sex Trap

Snow Palms: „Land Waves“ (Village Green)

Power Pop Album von 1982, trotz des netten Fast Car und dem nicht minder putzigen Titeltrack kaum der Rede wert. Darum hier einige nützliche Alternativen.

Snow Palms – Land Waves (Village Green)
Repetitiv strukturierte Verspieltheit von bekömmlich luftiger Art zaubern David Sheppard und Matt Gooderson auf ihrem ersten gemeinsam entstandenen Langspieler hervor. Angereichert von Glockenspiel, Marimba, Klarinette sowie dem Vokaleinsatz von Megan (Gooderson) eröffnet sich auf Land Waves ein breites Assoziationsspektrum, das von den Urvätern der Minimal Music über Mike Oldfield, Midori Takada (Through The Looking Glass) bis hin zum typischen Crammed-Sound à la Benjamin Lew und Hector Zazou reicht. Hinzu gesellt sich die Klang-Metaphorik einer hydro-kultivierten Urbanität, wodurch sich rasch ein gleichermaßen durchdringendes wie unbeschwertes Fluidum entfaltet. Ein Flow aus Harmonie und Uptempo also, durch dessen Zutun das vernehmende Gemüt in eine alerte Gelassenheit überführt wird, – und somit einen durchaus als kurativ wirksam zu etikettierenden Effekt zeitigt. Derart dynamisiert, bricht sich eine emphatische Entfaltung Bahn, welche kaum mehr die Knappheit jener strukturellen Prämissen nachmessen lässt, die hier so friedfertig-quirlig an Land gespült werden. Tut einfach gut.
facebook.com/snowpalms

CUTS: „Unreal“ (Village Green)

CUTS – Unreal (Village Green)
Anthony Tombling Jr. zog sich pünktlich zum ersten Lockdown ins Heimstudio zurück, um mit Unreal erstmals ein Album zu erschaffen, das in keinem direkten Zusammenhang mit seinem filmischen Schaffen steht (wo er nicht zuletzt den Verfall von Lebensräumen zu dokumentieren sucht). Womöglich sind diese beiden Prämissen mit ein Grund für die faszinierende Janusköpfigkeit der Geschehnisse auf Unreal. Denn während das rhythmische Fundament proaktiv zur Tat schreitet und das immerwährend sukzessive Element des Fortschritts, des Voranschreitens postuliert, insistiert insbesondere die treffliche Sound-Auswahl auf die Korrosion, wie sie in allem Neuen fröhliche Urständ feiert: Da treiben Bässe grobe Risse in die Bausubstanz, provozieren grotesk verstörte Stimmen abgeblendete Alarmstufen zur Ungunst der Stunde, verlieren sich wehmütige Klagelaute. Hervorgerufen durch zuvor stets ignorierte Trompeten und Sirenen, die der erodierten Böschung vergeblicher Liebesmüh hinterher heulen und im Grunde verhallen – in etwa so, wie dies einst schon bei Pink Industry zu vernehmen war. Der besitzergreifender Konstruktivismus, die Epistemologie aus Gedanken, Worten und Werken, mag zwar frei sein. Aber doch nur hinreichend frei, um sich in den Echokammern einer bloß imaginierten Progression flottierend zu verfangen. Starke Sache, da mit überzeugender Ambiguität gespickt.
facebook.com/cutsmusic

Nihiti: „A New Kind Of Weather“ (Lo Bit Landscapes)

Nihiti – A New Kind Of Weather (Lo Bit Landscapes)
Einen entgegengesetzten Weg, um Einhalt in Tateinheit mit schöpferischer Anschauung über einen fein gezinkten Kamm zu scheren, schlägt die Formation aus New York ein. Angesichts des pandemischen Schreckens vor der eigenen Haustür meint man – entgegen aller Prognosen – eben nicht, allein schiere Verwesung akustischer Natur in die Manege bugsieren zu müssen. Vielmehr setzen Nihiti auf relativ verhalten anmutende Täuschungsmanöver, die den Blick auf ein überaus differenziertes Klangbild erst nach und nach freigeben. So sind hier beispielsweise auch die bei CUTS so auffälligen Sirenengesänge zu vernehmen. Dies jedoch mehr im Sinne des Kolorit, weniger substanziell oder gar narrativ. Der zwölfeinhalb-minütige Erzbrocken Shudder Into Silence erzeugt (oder erlaubt) mehr warmes Licht als diffuse Schatten im abklingenden Delir, das stringent verschachtelte In The Sands extrapoliert glazialen Groove, das Roy Orbison-Cover (I Drove All Night) erweist sich eines Scott Walker würdig. Doch damit nicht genug: Eingefasst wird dieses Hochamt vom verschleppten Torch-Gospel des Titelsongs sowie einer rührig selbstvergessenen Hommage an Arvo Pärt zum Ausklang. Noch mehr wäre zu viel.
facebock.com/nihiti

John 3:16: „Tempus Edax Rerum“ (Alrealon Musique)

John 3:16 – Tempus Edax Rerum (Alrealon Musique) Tape
Philippe Gerber aus Philadelphia lässt hingegen keinerlei Zweifel an seinem ökonomisch inzwischen gestrafft-geschulten Sachverstand (Gewissen?) zu. Seinem Magenbitter-Handwerk genügt jeweils ein diffus geflochtenes Leitmotiv pro Track, um – sich jeweils am Rande einer höchst kurzweiligen Viertelstunde tummelnd – verstörende Brandblasen zu werfen. Dabei dreht John 3:16 raffiniert an den Stellschrauben der Evangelien von Industrial und Dark Ambient, verwebt die taktisch souverän aufgekochte Erlösung mit dem ein oder anderen Horrorscore/Metal-Vibe – und garniert das Ganze strikt punktuell mit Referenzen, die klingen, als habe man (wenn nicht gar er selbst) Skinny Puppy sämtliche Substanzen weggenommen. Ziemlich frontal einnehmend, auch aufgrund des Verzichts auf Überfrachtung. Also hat Gott die Welt geliebt. Und zieht hier jene schleichend zermürbenden Konsequenzen, die der zum Teil noch etwas zu ungestüm agierende Album-Vorgänger Ten bereits so vehement in Aussicht stellte. Wenn nicht gar gerechterweise einforderte.
facebook.com/john316experience

Sens Dep: „Lush Desolation“ (Self-released)

Sens Dep – Lush Desolation (Self-released)
Lockere elf Jahre nach seiner Gründung als Nebenprojekt des Postrock-Konsortiums Laura, entlässt das australische Trio Sens(ory) Dep(rivation) endlich ein Album, welches den Eindruck erzwingt, dass der angestaute Druck tatsächlich nicht länger im Kessel hätte verbleiben können. Denn Lush Desolation (absolut stimmiger Titel!) birst geradezu vor lauter Elementen, die bevorzugt mit dem vielsagenden Prädikat „massive“ Aufmerksamkeit erregen. Dabei erweist sich die (Bass) Gitarren & Cello-basierte Mischung aus Noise, Ambient und Shoegaze als schlagkräftig genug, um selbst hartgesottene Nehmerqualitäten in Verlegenheit zu bringen. Auch die Album-Dramaturgie besticht mit der ihr immanenten Akkumulation von Intensität und harmonischer Dichte, die niederschmetternd euphorisierenden Passagen sukzessiv mehr und mehr Freiheiten gewährt, sodass unterm Strich sogar ziemlich unverfroren auf die Tränendrüsen gedrückt wird. Nicht im Modus der Trauer. Sondern im Modus der Begeisterung – angesichts dieser fulminanten Entelechie aus Kraft und Emotion. Dass Lush Desolation an Orten wie etwa einer Jagdhütte im Hochgebirge oder in der tasmanischen Wildnis entstanden ist, sei nebenbei bemerkt.
facebook.com/sensdepsound

Onségen Ensemble: „Fear“ (Svart Records)

Onségen Ensemble – Fear (Svart Records)
Nach seinen beiden Alben Awalai und Duel brilliert die nordfinnisch-neunköpfige nunmehr mit Fear. Doch braucht sich niemand vor dem zu fürchten, was hier geboten wird. Handelt es sich doch um eine sich erstaunlich kohärent gebärdende Chimäre aus Prog und Psychrock, die komplett ohne solistische Leistungsschauen oder auch nur halb vergorene Freispiel-Eskapaden zurande kommt. Im Gegenteil: Wer es genießt, wenn Antizipation nicht enttäuscht wird, mag es sich hier genüsslich bequem machen. Ein einwandfreier Flow mit ebenso makelloser Sogwirkung suggeriert eine Art „höhere Ordnung“, die sich nicht zuletzt im zirkulären Album-Aufbau erschließt. Nichtsdestoweniger gelingt die Aufrechterhaltung von aufbrausender Stimmung und konzentrischer Spannung, da es (was kaum verwundern dürfte) an Detailreichtum nicht mangelt. Dennoch besticht Fear mit seinen triftigen Ordnungsprinzipien, die eher an die Disziplin eines Kammerorchesters erinnern, als an ein leichtfertiges Laissez-faire, das viele zugkräftige Ideen vielleicht hätte verderben können. Allein Angst will sich hier beim besten Willen nicht einstellen. Dann eher gute Laune, wirklich gute Vibes!
facebook.com/onsegenensemble

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