Musik der Karibik LXXVII

Jonas im Oratorium

Zweihundert Jahre vor der Reggae-Welle machte Jamaica in musikalischer Hinsicht bereits im Jahr 1775 von sich reden: Hier schlüpfte nämlich das zu seinem Erscheinen erste vollständig aufgeführte biblische Oratorium der Neuen Welt aus dem Ei, Samuel Felsted’s Jonah, dessen sich vor kurzem auch das Kammerorchester Ars Lyrica Houston annahm.

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Titelseite der Partitur des Oratoriums Jonah aus der Hand des Jamaikaners Samule Feldsted (1743 – 1802) (Stich von F. Bartolozzi, Music Unites Jamaica Foundation, National Gallery of Jamaica, CC-Liz.)

Außer dieser für die Kirchen- und Konzertmusik der Sattelzeit in der Karibik bemerkenswerten und in ihrer Ausführung sehr anmutigen Partitur überlebte nur ein weiteres Werk des in den Künsten beschlagenen Komponisten, das ebenfalls in einem Londoner Verlagshaus publiziert wurde, Six Voluntaries for the Organ or the Harpsichord (1783), eine Sammlung von Stücken, die aus seiner Praxis als Organist in der Kingston Parish Church hervorgegangen ist.

Bereits Felsteds Vater William hatte neben seinem ausgeübten Beruf als Eisenwarenhändler die Orgel zum Gottesdienst in der Kirche St. Andrew’s gespielt; dass dieser darüber hinaus Interesse und Talent für weitere Instrumente besaß, geht aus seinem Nachlass hervor. Möglicherweise handelte es sich bei den Vorfahren väterlicherseits (über die Familie der Mutter Joyce) ist wenig bekannt um Nachfahren einer dänischen Familie, denn der alte Ortsname Felsted ist in Dänemark belegt. Das Paar heiratete zwei Jahre vor der Geburt des späteren Komponisten Samuel 1741 in Philadelphia. Es wird gemutmaßt, dass der aus Boston dorthin abgereiste Vater Joyce dort kennengelernt hatte.

James Hakewills Blick von Windsor Farm auf Jamaica und Port Royal (ca. 820-24, Jam. p.d.).

Philadelphia wurde vielleicht, weil Beziehungen aus der Zeit der Hochzeit seiner Eltern bestanden, auch für Samuel Felsted bedeutsam, denn er erscheint in der American Philosophical Society dort als einer der einzigen vier Prominenten jamaikanischer Herkunft. Offensichtlich fungierte er in dieser Gesellschaft, die auch Benjamin Franklin zu ihren Mitgliedern zählte, als intellektueller Impulsgeber. Ein erweitertes Bild ergibt sich trotz spärlicher Informationen, um die sich Thurston Dox durch den Anstoß der Ordensschwester Mary Dominic Ray bedingt mit seinen Forschungen verdient gemacht hat, durch ein Gemälde, das den auch literarisch beschlagenen Urheber des Jonah als Maler ins Spiel bringt: Aus dem Jahr 1778 ist ein Bild der Stadt Kingston von der Hand eines „S. Felsted“ dokumentiert.

Jonah selbst weist einen für „verspätete Musik“ in der Zeit der 1770er Jahre charakteristischen Stilmix aus barocken und frühklassischen Elementen auf. Wenige Chöre ergänzen das vor allem durch zahlreiche Rezitative zusammengehaltene und den Schwerpunkt ganz gattungsgemäß auf das gesungene Wort des fein ausgearbeiteten Librettos legende Oratorium, dessen Stimmführung vollkommen syllabischer Natur ist und damit der kunstvoll verzierten melismatischen Faktur gleichzeitig andernorts geschriebener Opern zuwiderläuft. Nur zwei Solistenstimmen prägen die dialogischen Teile der nur etwa vierzig Minuten dauernden Aufführung.

Literatur u.a.
Thurston Dox: Samuel Felsted’s Jonah – The Earliest American Oratorio. In: Choral Journal of the American Choral Directors Association. 1992. S. 27 – 32.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.