Vom Pferd (1)

Striegeln und strangulieren

Mika Vainio – Last Live (Editions Mago)

Es ist ja eigentlich Quatsch: Im rumänischen Radio laufen schick aufgemotzte Weihnachtslieder als dernier cri, auf Tiktok werden Shandys trendy. Saturiert wären wir auch ohne. Während also Stutenbissigkeit und Wallachtum noch um Deutungshoheiten ringen, wächst das böse Bauchfett, derweil  indigniert Läufe Hufbeschlag ersehnen. An mir soll es nicht liegen.

Mika Vainio – Last Live (Editions Mago)
So. Und das war es dann auch. Die ungewollte Hinterlassenschaft. Das Ende vom Anfang. Sicher war Mika Vainio kein Club-Kostverächter. Sicher kein Vertreter jener, die nach getaner Arbeit Sicherheit walten lassen. Doch sein von (u.a.) Steven O’Malley und Carl Michael von Hausswolff im Nachgang kuratiertes „letztes Konzert“ lässt sich nur unter der Rubrik „Industrial par excellence“ verorten. Leichenschrei (SPK) nistet sich ein, so Vainio bohrt. Ohne Vorkenntnisse auch als „Kommentar“ zur Pandemie lesbar, die MV aufgrund eines Unfalls 2017 nicht mehr erleben durfte. Doch wen schert es? Nicht die Überlebenden. Nicht diejenigen, welche einen Tod fürchten, vor dem uns allen graust. Mit drei Flaschen Dornfelder / Erlauer Stierblut / Edler vom Mornag intus geht das. Doch. Es schert diejenigen, welche Beethoven als gelebten Irrtum und die Gelder für Opernhäuser fürderhin als kulturstiftend halten. Wir bezweifeln. Die bare Münze in der rechten Herzklappe eingeschweißt. Könnte auch die linke sein. Erstaunlich. Vernichtend. Konstruktiv.

Francisco Meirino – A New Instability (The Helen Scarsdale Agency)

Francisco Meirino – A New Instability (The Helen Scarsdale Agency)
Fast ebenso erstaunlich, wenngleich weniger das Wesentliche umfassend, begibt sich FM auf ANS auf eine anmutige Reise ins Urbane. Gern genommene Lärm-Attacken weitgehend umgehend, erzeugt er eher ein vages Gefühl von Lagos (oder Wolverhampton, oder Berlin) bei Nacht. Und stets währt die Peitsche über flachbrüstige Epigonen. Das ständige Pulsieren mag noch als Spaß unter Freunden durchgehen, doch die (spoiler-alarm) von Sirenen avisierte Lounge-Gelassenheit lässt keinen guten Trugschluss zu. Die im Album-Titel angekündigte Stabilität mag sich indes allein an Standards bemessen lassen, die im Laufe der Ereignisse verloren geglaubte Klaviaturen klandistin vorzeichnen. Es hagelt Schläge. Ganz harter Stoff! Theater-Quatsch. „Domestic violence as ultimate solution“. Wer’s glaubt…

Stromkonstante – Electronic (Bandcamp)

Stromkonstante – Electronic (Bandcamp)
Unbarmherzig spröde, wie gewohnt und doch unerkannt, ergeht sich der Kölner Soundtüftler, trotz oder wegen seiner insgesamt – Explizit Einsam und oder auch Egotragik eingerechnet – an die zig Hundert zählenden Veröffentlichungen: Mal wieder an der Eleganz eines minimal gestrickten Triumvirats – aus trivialer Selbstschau, gewalttätiger Biegung und purer Verzweiflung. Wer einen Track wie „Gravitation“ ohne einen akuten Pneumothorax-Anfall übersteht, vermag auch in Impfzentren höflichen Zurückhaltung zu üben. Oder R’n’B im Autoradio zu hören, ohne in den nächstbesten Kehrer zu knallen. Während Meirino das Ohr nach Außen richtet, verbleibt der enigmatische Herr Ohle im Dunst einer genüsslich abgestandenen Isolationshaft. Schwer zu ertragen, aber dringlich unbedingt und – in sich – vollkommen.

Messer Brüder – Herzmaschine (Reptile Music/Mira Records)

Messer Brüder – Herzmaschine (Reptile Music/Mira Records)
Nicht zuletzt aufgrund der sehr präsenten Stimme von Julia Rothfuchs könnte man Messer Brüder per se allen empfehlen, die Oberer Totpunkt zu schätzen wissen. Auch das gesamte Setting mag Ähnlichkeiten aufweisen, doch das Projekt Messer Brüder (Thomas Buchenauer, Florian Malicke) lässt durchblicken, dass es die Irritationen von Konventionen eher schätzt als deren Absurditäten. Schicke, von Gitarre getragene Passagen, die auch mal vom Ernst des Lebens absehen lassen, deuten an, dass in der Gemengelage ein Schuss Honig mitunter mehr bringt als die Zuführung von Substanzen, die der Blundell-Hill-Hypothese ins Gewissen reden. Ja, auch die NDW, vor allem Ideal und so, spielt mit hinein. Originell. Durchtrieben, sich im Wechsel mit der neuen Die Form bestens bekömmlich. E.T.A. Hoffmann und Welle:Erdball sollen auch eine Rolle spielen.

Otto Dix – Autokrat (Danse Macabre)

Otto Dix – Autokrator (Danse Macabre)
Die Kunst des Pirouetten auf dünnem Eis drehend zu beschwören, – nun die beherrscht MD (alias OD), ohne mit vierzehn Achseln zu zucken. Doch überlastet er seine beiden anatomisch gegebenen Achseln, so er auf Autokrator desolate Ziellosigkeit zum vorgeblichen Prinzip erklärt. Das anscheinend schmucklos in die Runde geworfene Industrial Metal-Fundament batalliert seine Oktaven paralysierende Stimme; wähnt sich in einer Sicherheit, die das Tagesgeschehen nur dann zu billigen vermag, so man es auf sich selbst – mit Distanz und Ironie – beruhen lässt. Dass MD / OD dabei keine Namen nennt, unterscheidet ihn von den Massen, die stets einen Namen benötigen, um ihre hausgemachte Misere zu rechtfertigen. Im Umkehrschluss werden unverwüstliche Polit-Klischees bedient, die im Strichfaden des Namensgebers „lähmende Geborgenheit verhüllen“ (Rainhard Fendrich). Und wenn schon. Früher war eh alles besser. Überall.

A Burial At Sea – s/t (Moment Of Collapse)

A Burial At Sea – s/t (Moment Of Collapse)
Diese soeben verklausulierte Erkenntnis mögen die britischen Post-Rocker anzweifeln. Wenn nicht gar mit ihrer – Alleinstellungsmerkmal – gedoppelten Horn-Sektion torpedieren. Well done. Aber … trotz der avisierten „Wall Of Sound“ (The Ronettes) bleiben A Burial At Sea so unverschämt transparent und unprätentiös, dass man geneigt ist, sie eher in kanadischen Dunstkreisen zu vermuten. Und weniger dort, wo der Bartel seinen Most holt. Dort, wo es ihn kursorisch überblickt, ohnehin nie gegeben hat. Die Kraft üblicher Verdächtiger (hier insbesondere Caspian) allein tangierend, prinzipiell aber Respiration statt Erschlagung fahrend, gelingt die Melange aus Emo-Post-Math-Hardcore und einer Art Musik, die ihren eigenen Projektnamen eben nicht zum Desiderat verklärt. Schick wie Versöhnungssex unter Töchtern.

Farhot – Kabul Fire Vol. 2 (Caroline International)

Farhot – Kabul Fire Vol. 2 (Caroline International)
Musikalisches Heimatbewusstsein destilliert der Hamburger Hiphop-Produzent auf eine geradezu schmerzhaft nachzuvollziehende Weise. Indem er seine afghanische Wurzeln in satte Sounds nach Art der Zeit verwebt, ohne dabei das autobiographische Dilemma zu verraten, lässt er tief blicken, und verstehen. Angemessen komplex exploitiert Farhot die Differenz. In deren Mitte die vermutlich beste aller Welten zu verorten bleibt. In einer Blase, die selbst Geopolitik nicht zum Platzen bringen kann. Dass er seine Autobiographie trotz aller Finesse so leidenschaftlich unaufdringlich aufzubereiten vermag, spricht für sein außergewöhnliches Talent. Und für eine Erfahrung, die ihn als Produzenten für den nächsten Black Metal-Act aus Nord-Mazedonien prädestiniert.

Grande Loge – Mantras (Cyclic Law)

Grande Loge – Mantras (Cyclic Law)
Was Farhot so elegant umschifft, wird bei dem französischen Projekt Grande Loge zur fein gerillten Beschwörung überkommener Religionen und Riten. Ins Zackenprofil (Sägezahnbildung) mischt sich auf diesem Album ein kaum zu ignorierender Zweifel an der „archaischen“ Berufung. Wer proto-paramilitärische Albernheiten erwartet, mag sich hier falsch gewickelt fühlen. Mithras-Kult, Hekate und Magick egalisierend, ihrem Machtanspruch enthebend, erweisen sich diese „Mantren“ als schwergewichtige Meditationen, die leichtherzig gezeugte Indolenz ins Magische transferiert. Dead Can Dance ohne Auferstehung. Identifikation als Aktenzeichen „XY ungelöst“. Interessant.

Ekca Liena – Veiled State (Hidden Vibes)

Ekca Liena – Veiled State (Hidden Vibes)
Von Mithras etc. sich erholen lässt es sich, mit dem üblich trüben Blick ins Nichts, anhand dieses Nachfolgealbums von Gravity and Grace – des sich der Dienste des werten ukrainischen Labels (siehe oben) bedienenden Daniel W J Mackenzie. Gemeinhin lauernde Scapes, trügerisch tranige Loops sowie melodisch auf eine Verführung ins Wohlwollen hinein gezinkte Fahrkarten gibt der – vermutlich nette – Solipsist preis. Laxativum prallt auf Bindemittel. Die wiederum auf Umwegen direkt in jene Pillen gegen die Traurigkeit führen, welche erst in der siebten Staffel von „Charité“ erfunden werden. Doch muss Musik stets ein therapeutischer Wert beigemessen werden? Veiled State kann auch ohne Zuschreibungen, Diskurse oder Diaphragmen vereinnahmt werden. Wie ein leicht stückiges Püree, das keinen Anspruch darauf erhebt, Kohlenhydrate in Serotonin zu verwandeln, bleibt die Kirche dort, wo sie einst erbaut wurde.

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