Vom Pferd (2)

Kaum zu glauben: Verweigern beim Longieren

Auvinen – Akoosaari (Editions Mego)

So der Ast nicht atmet, reagiert das Kalb mit Trensen-Furcht (siehe hierzu: „Syllogismen eines Hufenpapstes“, Edition Dressur, Bad Hensgt, 1944). Vielseitigkeit (und Fahrt) möge weiterhin die Sinnlosigkeit schüren. Doch wie sang einst schon die verdiente Fausta Labia (1870 – 1935) in Sektlaune nach einem verpatzten Operetten-Abend: „Was umschließt, ist des Wieherns wert“. Anschließend wurde das Longieren neu – und bis zum heutigen Tag gültig – definiert. KanzlerIn S. weiß und beherzigt das.

Auvinen – Akoosaari (Editions Mego)
Ausufernd, schlichtweg schön und unglaublich entspannend: Der bislang eher als Acid-Hexer bekannte Johannes Auvinen gibt sich die Ehre, ganz tief in deinen Gehirnfloskeln zu wühlen, ohne dabei die sich zwangsläufig einstellende Nostalgie zu verhöhnen. Oder gar zu verletzen. Chirurgisches Geschick! Denke, diese Musik schon mal erträumt zu haben. Vor vielleicht dreißig oder gar mehr Jahren, auf dem Weg von Bukarest nach Brüssel im Zug. In der Nacht verblieb der Zug in Darmstadt. Gelegenheit, mit Sack und Pack beim INMM einzuschreiben. Doch die Fahrt ging weiter, wie dieses betörende Album auf Dauerrotation. Doch warum? Die Antwort bedarf keines geistigen Horizonts, der sich diffuser Erinnerungen erfreut. Eher einer empfindsamen Offenheit gegenüber all dem, was in den Niederungen erektil den Weg ins Übermorgen weist. So pfeift der Schaffner. Der Bahnhofsvorstand hört Musik. Diese!

Martin Gore – The Third Chimpanzee EP (Mute)

Martin Gore – The Third Chimpanzee EP (Mute)
Tertium non datur: Natürlich hat der maßgebliche Schöpfer von ewig gültigen Mega-Hits kein Problem damit, dass man ihm im Grundsatz jegliche Glaubwürdigkeit im Sinne „angesagter Elektronik“ abspricht. Doch: wer ist „man“? Und wer ist Martin Gore?! Nähern wir uns kurz an: Als habe er, MG, Affentanz (die Kölnische Electro-Provokation) zum Anlass genommen, um das masturbatorisch fundierte Verhalten von Primaten fünffach unter eine Lupe zu nehmen, die zu schleifen offenbar nur er selbst imstande ist. Und siehe da, im Brennfeld: Anders als auf seinem doch nur recht schwer zugänglichen dritten Soloalbum, installiert der Blondschopf Song-Ideen und klangliche Reminiszenzen, die sich an seinem Haupterwerbszweig reiben, dass es eine Freude ist! Ganz so, als wolle er längst in Stein Gemeißeltes in eine Unabwägbarkeit überführen, die den Homo faber vom Menschenaffen trennt. Die gewagte Rechnung geht auf, alle Regler auf rechts erst recht. Hätten wir uns mehr am Pan paniscus als am Pan gehalten, wären die ergreifenden Überlegungen des Martin Gore überflüssig geblieben. Und Pan spiel(t)e seine Flöte.

DSKNT – Vacuum γ-Noise Transition (Sentinent Ruin)

DSKNT – Vacuum γ-Noise Transition (Sentient Ruin)
Eine gute Rolle im Endspiel gegen allzu optimistische Anwandlungen spielt diese BM-Band aus der Schweiz. Weil sie nicht aus altklugem Draufgängertum melkt. Und bevorzugt das schleichend Durchdachte resignierend zur Kenntnis nimmt. Nach außen hin zunächst handelsüblich kühl, bei genauerer Inspektion jedoch gegenüber juvenilen Schnellschüssen gewappnet. Orgiastisch dem „Opus Mors“ die Kopfschmerzen lindernd, der „vitalitätssteigernden“ Angstlust die Ösophagusvaritzen aus dem Abfluss ziehend. „Avantgarde Violence“? Pesthauch im Puppenspiel. Und wieder stellt sich die Frage, warum diese Musik kommerziell unverwertbar zu bleiben hat. Warum sie nie dort gespielt und erhört wird, wo es Not tut. Na, weil es so sein muss. Totale Ablehnung wird nie zum Thema für den Mainstream, so sehr er sich auch als aufgeschlossen aufgeklärt geriert. Und nichts kapiert. Die Konzentration bleibt auf die Kopfschmerzen der Klassik eingeschränkt. Ansonsten Spaß allenthalben, so er nur ja nicht von Eurasiern stammt. Hedonistische Diskontierung“ – dass ich nicht lache.

A.A. Williams – Songs From Isolation (Bella Union)

A.A. Williams – Songs From Isolation (Bella Union)
Kaum in den Kontext veröffentlichender MusikerInnen aufgenommen, meint sich die Londonerin Fremdsongs annehmen zu müssen, die ihrer Fasson entsprechen. Angefordert von Followern, anlässlich des ersten Lockdown. Ein prinzipiell einwandfreies Unternehmen. Die neun auserwählten Titel decken indes das ihm immanente Dilemma auf: Denn im Prinzip hätte A.A. Williams auch irgendwelche Nationalhymnen (wie einst Laibach) oder Ballermann-Schlager auf ihr Gerippe reduzieren können. Auf Stimme und Piano. Dass sie sich aber nicht auf Abwegiges, sondern auf Naheliegendes verlässt, spricht für die Konvention. Fast verwundert es, dass sie auf ein Cover von Hallejujah (Leonard Cohen) verzichtet. Da haben ihre Fans wohl was zu wenig gevotet. Bemerkenswert das in die etwas weniger jüngere Vergangenheit zurückreichende Diebesgut: If You Could Read My Mind (Gordon Lightfoot) bleibt unerreicht. Doch Nights In White Satin übertrifft das Original der ansonsten entsetzlichen „Soft-Rocker“ Moody Blues. Hier verleiht A.A. Williams einer überkommenen Schnulze ein Temperament, dem es gelingt, einem genialischen Wurf wie Into My Arms (Nick Cave) das Weihwasser samt Tempo zu reichen.

Sivert Høyem – Roses Of Neurosis EP (Hektor Grammofon)

Sivert Høyem – Roses Of Neurosis EP (Hektor Grammofon)
Eine der besten Stimmen im Rockpop-Zirkus lässt verlautbaren, dass alles gar nicht so schlimm ist, wie man es zu empfinden geneigt ist. Dass das Leben an sich kein einziges Zuckerschlecken (Oralverkehr) ist, bleibt zwar auch angesichts seiner fünf neuen Songs der Sache immanent, doch der Norweger versteht es, eine Gelassenheit walten zu lassen, die nur Defätisten als geriatrische Milde klassifizieren mögen. Und dass er dabei den Eindruck erweckt, Neil Diamond (qua Arrangements) in ungeahnte Schranken verweisen zu wollen, mag ihm seit jeher in die Wiege gelegt worden zu sein. So er auch diesmal besonders dick und eindeutig auftragen mag, spricht nichts gegen einen Sahnehering, der dir auf dem Teller verlautbart, wie beschissen schön das Leben doch sein kann. Vorausgesetzt, man lässt es.

Steve Hackett – Under A Mediterranean Sky (InsideOut)

Steve Hackett – Under A Mediterranean Sky (InsideOut)
Man nehme: Elemente der kleinwüchsigen italischen Symphonik (mit Ausläufern zu Ennio Morricone), rhapsodisch anmutende Allusionen auf iberisch Kanonisiertes sowie eine Riesenportion Respektlosigkeit. Und schon hat der Nehmende ein Album geschaffen, das nicht nur seine eigenen Fähigkeiten zum x-ten Male hofiert, sondern zugleich auch als Metamorph Sinn ergibt. Nun denn: Bar jeglicher Klischee-Huberei (ein Umstand, der allein schon durch die am Label-Artwork à la Sacred Bones angelehnte Strenge suggeriert wird – und geradezu wie unterfütternd wirkt), ergeht sich der Altgediente in der Beschwörung einer Melange, die nicht nur der Anfeuerung von Fernweh dient (wie uns der Pressetext glauben lassen will). Vielmehr wird hier ein Kontext eröffnet, der sich in der Musikgeschichte als Novum etabliert. Doch – wer will schon bei einem solchen Haufen an sonnendurchfluteter Schöngeistigkeit ins Nachdenken abdriften?!

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