Portugiesische Komponisten über dem Ozean

Ausgewandert

Was vor wenigen Jahren der portugiesische Komponist Sérgio Azevedo, Jahrgang 1968, der Journalistin Martina Brandorff beim Deutschlandfunk verriet, ist nichts weniger als ein gelungener Versuch, Konstellationen klassischer Instrumentalmusik in unsere Gegenwart zu übertragen: Das „Konzertieren“ eines Solisten mit dem Orchester im wörtlichen Sinn sei eine Form des Dialogs zwischen der „Gesellschaft und dem von ihr ausgeschlossenen Einzelnen“, eine Aussage, beruhend auf den Entfremdungserfahrungen des 20. Jahrhunderts, die seitdem in den Künsten häufig reflektiert werden.

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Interpretiert musikalische Genres auch musikphilosophisch: Sérgio Azevedo (Pegada).

Gleichzeitig passt Azevedos Deutung, dessen Kompositionen übrigens auch in der einstigen Großkolonie Brasilien prämiert wurden, zu den Verlorenheitsgefühlen Emigrierter. Wer in einem Beruf arbeitet, der in hohem Maß persönliche Kreativität und Ausdauer erfordert, befindet sich in neuer Umgebung wenigstens während des Arbeitsprozesses zunächst per se in völliger Isolation. Die virtuelle Überwindung der Grenzen und Räume zu ihrer Kompensation bleibt weitgehend Illusion. Auf der anderen Seite bietet die Erfahrung des Anderen eine Bereicherung, solange sich tatsächlich Denk- und Schaffensräume ausweiten. Ein Gegenbeispiel: Kaum jemand wird freiwillig von Süd- nach Nordkorea auswandern …

Marcos António Portugal (1762 – 1830) folgte 1811 dem Ruf seines nach Brasilien verzogenen Königs, komponierte weiterhin Kirchenmusik wie Opern und blieb in Rio de Janeiro (Pt. p.d., US p.d.).

Etwas völlig Anderes ist die vorübergehende Grenzüberschreitung, etwa im Falle einer Virtuosin oder eines Virtuosen, die zu Konzerten häufig auf Reisen sind, zumal hier die tatsächlichen, wenn auch meist flüchtigen Begegnungen und der direkte kommunikative Austausch die wesentliche Rolle spielen und das Erleben des Alleinseins schon deshalb zurücktreten muss. Eine gemeinsame sprachliche Basis ist in diesem wie in jenem Fall eine entscheidende Brücke, zumal wenn es sich um die Muttersprache handelt.

Über viele Jahrzehnte wirkte André da Silva Gomes (1752 – 1844) als Gefolgsmann eines Bischofs an der Kathedrale da Sé von São Paulo (CC Liz.).

Auch Portugiesen blieben immer wieder dauerhaft fern der Heimat: Gaspar Fernandes (1566 – 1629), der wohl aus Évora stammte, bereiste noch vor seiner Ernennung zum Organisten im Jahr 1599 in Santiago, heute Guatemalas mit dem Landesnamen identisch benannte Hauptstadt, auch Mexiko; 1606 fasste der Urheber zahlreicher Villancicos und geistlicher Musik in der dort begründeten Stadt Puebla Fuß. Nach einem großen Sprung in die Frühklassik: Der in Lissabon ausgebildete André da Silva Gomes gelangte als Gefolgsmann des Bischofs Dom Manuel nach São Paulo, wo er wohl bis kurz vor seinem Tod an der Catedral da Sé wirkte. Ab 1811 arbeitete der Opernkomponist Marcos António Portugal für die königliche Familie in Rio de Janeiro, in deren Zufluchtsexil vor der Bedrohung Lissabons durch Napoleon.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.