Vom Pferd (3)

Pizza Felazio

Bill Thompson: „Ocean Into Light“ (Burning Hapsichord Records)

(…) Stille benötigt man, so behauptete John Cage, um dann ‚das zu hören, was Musik genannt werden darf‘. MusikerInnen [GenderIn von mir] sind allerdings generell sehr an Stille interessiert, wenn es nicht die eigene ist. Es gehört schließlich zur elementaren Ausstattung von Eitelkeit, dass ihre Performance gefälligst wahrgenommen wird.“ (Piet Klocke, „Kühe grasen nicht, sie sprechen mit der Erde“ – auch sehr zu empfehlen).
„Denken heißt nicht danken, es heißt: sich rächen“ (Paul Cioran, spontan, ebenda).

Bill Thompson – Ocean Into Light (Burning Hapsichord Records)
Minimalist/Maximalist: Besagter Universalkünstler berauscht mit streng genommen lockerer Abstrakt-Performance (Moog Gitarre uwam.), die anzieht. Um nicht mehr hinauszulassen. Anfänglich (wir reden von einem über fünfzigminütigen Longtrack) noch irisierend varaiabel, verdichtet sich das Geschehen zu einem einzigen Sog, der Langmut ebenso auf die Probe stellt wie jenes Einfühlungsvermögen, welches Bill Thompson deduziert. (Fast) noch besser: der Bonustrack Live At The Old Hairdressers (Bootleg). Vielleicht weil hier der Moment an sich noch stärker aufspielt, sich windet und weidet. An und im Unterbewusstsein akustischer Selbstreferenz. Live halt. Aufmerksamkeitsdefizite lassen sich anhand dieser VÖ genüsslichst kurieren.

Twenty Fingers Duo: „Performa“ (Music Centre Lithuania)

Twenty Fingers Duo – Performa (Music Centre Lithuania)
Mit geradezu regelmäßig in Umlauf gebrachten Artefakten weist Litauen auf seine ungemein reiche Vielfalt im Sinne experimenteller, neuer und genuin unverbrauchter Musik hin. So auch mit dem Debütalbum von Lora Kmieliauskaité (Geige) und Arnas Kmieliauskas (Cello), auf dem sie gleich sechs zeitgenössische Komponisten (darunter eine Komponistin, gegendert) interpretieren. Einzelheiten bleiben außen vor, die Aufführung ist über alle Zweifel erhaben. Natürlich ist sie konzise, die Materialbeherrschung ziemlich souverän. Und dennoch legt das Duo eine lustvolle Beschwingtheit an den Tag, die im Sinne der Neuen Musik eher rar gesät ist. Trüffelschweinchen blähen die Nüstern, heute gibt es Pilzgericht. Die exzellente Aufmachung, mit umfänglichen Linernotes, steuert eine exzellent abgeschmeckte Sauce bei. Skanaus!

Thomas Buckner & Randi Pontoppidan: „Voicescapes“ (Chant Records)

Thomas Buckner & Randi Pontoppidan – Voicescapes (Chant Records)
Vokal-Akrobatik ist eine heikle Angelegenheit. Und noch viel zu selten wurde der Zusammenhang von Stimme und Attraktivität durchleuchtet. Optik herrscht, dann kommt das Olfaktorische. Buckner und Pontoppidan setzen dieser Hierarchie der Eindrücke ein beseeltes Kompendium entgegen, das durchaus im Sinne von Paul Hillier (Theatre Of Voices) Parallelwelten entstehen lässt. Ohne Overdubs, Schnickschnack, ohne billige Tricks. Man möchte einstimmen, mitsingen, erleben, wie viel in einem steckt, was über das Reden und die Rede hinausgeht, so die Stimmbänder den Spaß noch mitmachen (by the way: Happy 40th birthday, Farmer Vincent). Das vielleicht erstaunlichste an Voicescapes: Die Akteure sind schon weit über das angeblich „beste Alter“ hinaus. Dass sie nichtsdestoweniger klingen, als seinen sie gerade aus dem Ei geschlüpft, ist ein Fall für die investigative HNO-Abteilung.

Pauline Anna Strom: „Angel Tears In Sunlight“ (RVNG)

Pauline Anna Strom – Angel Tears In Sunlight (RVNG)
Ebenso wenig ein „Newcomer“: PAS. New Agers werden sich ihrer vielleicht noch entsinnen: Trans-Millenia Consort. Na, klingelts? Ist die Klingel aus, wird auf Holz geklopft. Aber so sinnstiftend zart, wie die Angel Tears in Sunlight. Ein ganz klein wenig cheesy ist das zwar schon, aber wer möchte denn partout auf das perlend Kaskadierende verzichten, welches Electronica klingen lässt, als hätte sich ein Dutzend Vibraphone im Hörzimmer verlaufen. Nein, eine sehr gewisse, charmante und kurativ wirksame Eleganz lässt sich einfach nicht absprechen. Nervosität vorausgesetzt. Wem die Sonne aus dem Allerwertesten scheint, möge auf dieses Serotonin-schwangere Album verzichten. Im Wellness-Bereich der Heimsauna würde dieses Album auf Rotation gesetzt. Wer ist nicht gerne nackt? Und lässt sich dabei Tröpfchen auf die Achillesferse träufeln?!

Whisper Room: „Lunokhod“ (Midira Records)

Whisper Room – Lunokhod (Midira Records)
Zunächst mal eine Lanze entzwei: Midira Records hat sich in letzter Zeit an das Niveau von Denovali herangepirscht. Jede VÖ ein sicherer Blindkauf. Tolles Label. Dankeschön. Die deutsch-kanadische Formation Whisper Room passt da hervorragend ins Bild. Space Rock, Shoegaze, Ambient: you name it. Dass Aidan Baker himself das Album optisch gestaltet hat, ergibt auch wieder Sinn. Womit mehr als nur angedeutet wäre, woher der Wind hier weht. Allein wie die Tracks unerbittlich (zu ihrem jeweiligen Ende hin) verhallen, lässt mal wieder jene Urfragen aufkeimen, mit derer Nichtbeantwortung Existenz zum puren Vergnügen wird. Keine „Eineindeutigkeit“, kein Sinn oder Zweck. Nur das Atmen, das Strecken, die köstliche Irrelevanz. Musik wie die von Whisper Room zelebriert den Irrsinn des Lebens. Friedfertig – und in aller Bescheidenheit. Why not?

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