Vorklassische Avantgarde der Mailänder Musik

Wiedergeborenes Arkadien

In der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts erst wurde die stilistisch zwischen Empfindsamkeit und Vorklassik anzusiedelnde Instrumentalmusik einer für die Entwicklung in Italien bedeutenden Cembalistin und Komponistin wiederentdeckt; seither sind auch ihre Opern auf dem Weg zu den Bühnen. Zwei von ihnen, nämlich Ulisse in Campania, gekennzeichnet als „serenata in due atti“ und das „componimento drammatico“ Insubria consolata von 1746 sind als freie Onlinepartituren verfügbar. Letztere Oper wurde 1766 zu Ehren der im 15. Jahrhundert regierenden Fürstin Beatrice d’Este und des Erzherzogs Ferdinand in Mailand aufgeführt, wo sie auch im Druck erschien. Um welche hochbegabte Musikerin handelt es sich?

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Als eine der wenigen Frauen rangoert Maria Teresa D’Agnesi (1720 – 1795) in der Ehrengalerie der Mailänder Scala (13.7.2016, CC-Liz.).

Seit Maria Teresa D’Agnesi Pinottinis Schaffen aus der Vergessenheit aufgetaucht ist, musste ihre Biographie dank Forschungsbemühungen immer wieder nachgebessert werden: Nicht erst 1729, sondern schon 1720, also mitten hinein ins aufkommende Rokoko, wurde sie als drittes Kind des Pietro Agnesi di Monteviglia geboren; ihre um zwei Jahre ältere Schwester Maria Gaetana Agnesi wurde zu einer bekannten Mathematikerin und Philanthropin der Aufklärung. Mittlerweile wurde bekannt, dass die zunächst häuslich ausgebildete Cembalistin Maria Teresa von dem komponierenden Violinisten Carlo Zuccari in Mailand unterrichtet.

Erste Partiturseite von Maria Teresa D’Agnesis Oper ‚Ulisse in Campania‘ (undatiert, wohl 1768, manoscritto, Biblioteca del Conservatorio di musica S. Pietro a Majella. Napoli. IT NA0059, Ausschnitt)

 

Von da an trat sie häufig als konzertierende Cembalovirtuosin in Erscheinung und brachte dem norditalienischen Publikum in ihren Konzerten insbesondere die Musik Jean Philippe Rameaus zu Gehör. Ein Beispiel der noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts besonders beliebten Gattung Schäferspiel und die erste Bühnenarbeit der Komponistin, Il ristoro d’Arcadia, feierte in ihrer Heimatstadt 1747 einen großen Erfolg. Zu der Oper Ciro in Armenia, deren Stoff auf eine historische Überlieferung um den antiken Perserkönig Kyros zurückgeht und nur fünf Jahre später entstand, schrieb D’Agnesi eigenhändig das Libretto.

Die erste Oper, zu der D’Agnesi selbst das Libretto verfasste, bezieht sich auf Kyros‘ Feldzug in Armenien (https://lccn.loc_.gov-2010665025, It p.d.).

Ihre Hochzeit mit Pietro Antonio Pinottini wurde, nachdem der Vater ihr diese Ehe bis dahin verweigert hatte, konnte erst 1752, also, als sie bereits 32 Jahre alt war, vollzogen werden. Weitere Opernprojekte folgten: So komponierte sie 1755 sogar auf Pietro Metastasios Il re pastore eine Oper, zu populären antikisierenden Stoffe wie Sofonisba und Nitocri folgten weitere Bühnenwerke in den Jahren 1765 und 1771, um nur zwei besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehende Opern zu nennen. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass ihre eigene Cembalomusik, Arien und andere Kammermusik den größeren Teil ihres Schaffens ausmachen; unter anderem zählen hierzu auch vier Konzerte für Cembalo und zwei Violinen, die der Verleger Breitkopf im Jahr 1766 auflistet.

Literatur u.a.
Carolyn Britton: The life and keyboard works of Maria Teresa d’Agnesi. Diss. University of Minnesota 1979.
R.L. Kendrick: Maria Teresa Agnesi – an introduction to her works. Cambridge (Mass.) 1996.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.