Vom Pferd (4)

Unknown Pleasures

Richard Haynes: „ghosts of motion“ (Cubus Records)

Im kopernikanischen Begriff des Lebens ist Vereinigung Irrtum, Opposition zur natürlichen Ordnung. Hindernis für das ewige Fließen des Lebens und seinen ewigen Wandel. Gott als Hindernis für das Leben. Als Bremse des Fortschritts.“ (Alberto Savinio, „Neue Enzyklopädie“). Dann doch lieber mal wieder richtig gute Musik!

Richard Haynes – ghosts of motion (Cubus Records)
Von einem anerkennenswertem Booklet, wenn nicht gar bewundernswert formuliertem Begleittext, flankiert, gibt uns Richard Haynes hier die „Klarinette d‘ Amour“, – welche sich trotz des Protektorats von Stadler, Lotz und Mozart nie gegenüber ihren (zumeist größer dimensionierten) Schwestern durchsetzen konnte. Somit lässt Ghosts Of Motion ein Instrument auferstehen, das Zeit seines Lebens weitgehend verkannt wurde und ein Schattendasein führte. Basierend auf sieben zeitgenössischen Kompositionen und zu Bern im letzten Jahr registriert, entfaltet der Solist Haynes ein Panoptikum klanglicher Fülle, auf die schon viel zu lange verzichtet wurde. Der Klang seines Instruments geht durch Mark und Bein, erfreut sich, wenn man so will, einer Außerraumzeitlichkeit, die – plötzlich und unerwartet – ihresgleichen sucht. Quasi als hätte man die Gitarre gerade mal soeben erfunden. Sachen gibt’s …

Barbara Ellison: „CyberSongs“ (Unsounds Records)

Barbara Ellison – CyberSongs (Unsounds Records)
Ohne den gedanklichen Fokus zu eng, respektive zu weit schüren oder schnüren zu wollen, sei angesichts dieses Albums eine (erneute) Auseinandersetzung mit Plansprachen angeregt. Die Lektüre von Die Bienen und das Unsichtbare von Clemens J. Setz böte sich hierzu an. Es sei denn, man verlässt sich ganz und gar auf seinen eigenen sprachlichen Instinkt, der die Sachlage auch ohne Cut-Off-Techniken zu erkennen versteht. Im Grunde lässt Barbara Ellison Sprachfetzen repetitiv nachhallen, deren Wiedererkennung nicht unbedingt Anspruch auf eine psychometrische Evaluation erheben. Dadurch befreit sie aber zugleich auch in diesen Lexemen enthaltene musikalische Sprache, reduziert die intelligible Tiefe anhand einer sinnlich ansprechenden Suggestion. Das Zirpen, das Muhen, das Rattern, das Seufzen – die CyberSongs eliminieren den Bruch, der allgegenwärtig das Vernehmen vom Verstehen scheidet. Ein kluges Experiment, das weniger aufdringlich klingt als diese Rezension.

Mia Zabelka & Icostech: „Aftershock“ (Subcontinental Records)

Mia Zabelka & Icostech – Aftershock (Subcontinental Records)
Mit voller Absicht aufdringlich: diese Kollaboration! Mia Zabelka, Violinistin/Elektronikerin par excellence aus Wien, trifft auf Arun N, seines Zeichens Extrem-Metaller aus Bangalore. Und dann gibt Trompeter Joshua Trinidad aus Denver ab und an noch seinen Senf dazu. Was dieses Line-up verspricht, löst „Aftershock“ mit einem hohen Anteil energisch preschenden Elans ebenso ein wie mit furchteinflößenden Scapes oder rauschhaft installierten Inseln vorgeblich entspannter Subversion. Insgesamt also ein Mix, der es derart in sich hat, dass jeglicher Versuch einer kategorialen Einschätzung zum Scheitern verurteilt ist. Industrial Jazz-Techno? Ach, was Sie nicht sagen… Allein vom Verdacht des „Noise“ gilt es, dieses Album in all seiner durchdacht multiplen und konfrontativen Taktik freisprechen. Dass Mia Zabelka auch auf Aftershock erneut das zentrale Thema ihrer künstlerischen Tätigkeit thematisiert – das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt – muss nicht die einzige Lesart sein, mit der sich dieser Herausforderung genussvoll gestellt werden kann.

Langham Research Centre: „Tape Works Vol. 2“ (nonclassical Records)

Langham Research Centre – Tape Works Vol. 2 (nonclassical Records)
Das vierköpfige LRC bedient sich bevorzugt einem Instrumentarium, das in der Neuen Musik heutzutage vielfach als obsolet erachtet wird. Die Zeiten der Tapes, der Kurzwellen-Frequenzen oder der Verwendung von vor sich hin modernden Vintage-Studio-Tools, um drei Beispiele zu nennen, sind angeblich passé. Zugleich bekennen sich Felix Carey, Iain Chambers, Philip Tagney und Robert Worby zu einer Tradition, die sich ziemlich direkt auf Luc Ferrari bezieht. Dass das Café Oto zu London zu einem ihrer bevorzugten Aufenthaltsorte zählt, sollte als biographische Randnotiz weiterhin dazu dienen, die Ereignisse auf den Tape Works Vol. 2 zu paraphrasieren: Auf „altmodische“ Techniken basierende, neuartig ausformulierte Art Brut-Ereignisse, die den (architektonischen) Brutalismus als inhaltliche Orientierungslinie fokussieren. Aber was genau hier widerhallt, bleibt zweitrangig, da das LRC in einer gänzlich originellen Weise agiert, wodurch die jeweiligen Bezüge gerne vage bleiben können. Wie hat es der kalifornische Komponist Carl Stone formuliert? „Acousmospherics“. Passt!

Titanoboa: „Porphyr“ (a-Musik)

Titanoboa – Porphyr (a-Musik)
Zum Abschluss dieser Runde noch ein kurzer freundlicher Gruß aus der Stadt des Redaktionssitzes. In Form von Porphyr, der ersten Album-Veröffentlichung des in Köln beheimateten Labels a-Musik. Darauf befindet sich der Apocalyptic Drone Noise / Electroacoustic Noire / Post-Industrial des ebenfalls in Köln ansässigen Duos Titanoboa. Ihr wisst schon Bescheid! Und falls nicht auf Anhieb, so seien euch hiermit noch die trefflichen Referenzen aus der Pressemitteilung ans Herz gelegt: Pharmakon, Maximim Bérangère, In Camera. Komplex elaborierter (zum Teil rhythmisierter) Krach mit ausgezeichnet hochgradig veranschlagten Belastungsstörungen und (Zerr-) Spankräften. Ab in die Osterferien!

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