Musik der Karibik LXXVIII

Estampas coloniales

Die Vereinbarkeit einer geradlinigen klassischen Ausbildung und entsprechenden kompositorischen Praxis mit Folklore und Jazz stellte auf Kuba an der Schwelle zum 20. Jahrhundert den Normalfall einer kreativen Musikerkarriere dar. Insofern war auch der während Lebzeiten schon allseits beliebte Pianist Eliseo Grenet Sánchez keine Ausnahme. Zu seinem Repertoire gehören „querbeet“ die populären, ebenso jedoch akademisch begründeten Zarzuelas, Operetten in afrokubanischer Einfärbung, Jazzstücke für Klavier und unterhaltsame symphonische Filmmusik zu zahlreichen Kinostreifen.

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Wieder aufgelegt: ‚Yo no tumbo caña‘ von und mit Eliseo Grenet Sánchez (1893 – 1950) (ASIN: B07RZGDCHL, Havana Moon 2019)

Ebenso wie Eliseo, der am Konservatorium von Havanna ausgebildet wurde, avancierte auch sein Bruder Ernesto zum professionellen Musiker. Dieser spielte im Orchester des Dirigenten Julio Cuevo an der Pariser Bühne La Cueva mit und an dieser Stelle kreuzten sich auch die Wege der beiden, denn Eliseo trat dort ebenso wie schon zuvor in Barcelona mit seiner Operette La Virgen Morena auf. Der europäische Aufenthalt des einstigen kubanischen Kinopianisten war bedingt durch seine Ausweisung aus Kuba auf Veranlassung des Diktators Gerardo Machado, der selbst ein Jahr nach ihm fluchtartig Kuba verlassen musste, als ihn die Vorboten der Revolution einholten.

Beim eigenen Label erschienen unter Mitwirkung späterer Musiker ‚Clásicos de la Música Cubana‘ (Grenet, ASIN: B01G7OF0H0).

Das Exil kam Eliseo Grenet trotzdem sehr gelegen, denn in Spanien wie Frankreich konnte er Erfolge verbuchen, die ihn für Londoner, dann auch für New Yorker Theater empfahlen. So wurde es ihm möglich, am Broadway die Bühne El Yumurí zu eröffnen, an dem fürderhin das Quartett des puertoricanischen Komponisten Pedro Flores etabliert wurde.

Eliseo Grenet um 1930 (Maria Teresa Linares: La Música y el Pueblo, Cuba p.d.)

Der karrierebedingten Odyssee nicht genug ging der selbstbewusste und vielseitige Komponist, der abgesehen von der Nutzung der Kontakte für sein eigenes Marketing einstand, nach Mexico, wo er für einige über dessen Grenzen hinaus bekannt gewordene Kinofilme komponierte. Damit kehrte er sozusagen zu seinem ersten Metier zurück, auch wenn die technischen Möglichkeiten sich völlig gewandelt hatten. Es entstand die Musik zu Conga bar und Estampas coloniales, in diesem Zusammenhang geschriebene Lieder, zum Beispiel Rica Pulpa oder Spic and Spanish, avancierten zu Evergreens der Epoche.

Kompositionen von Eliseo Grenet:
Panama
Drume negrita
Mamá Inés aus: La Virgen Morena

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.