Zur neuesten Literatur über Komponistinnen

Weite Wege: Von der Geringschätzung zur Anerkennung

Es mag zwar sein, dass in etlichen Wissenschaften der Gender-Diskurs an seine Grenzen gekommen ist, doch darf man im Hinblick auf die Erarbeitung einer „weiblichen“ Musikgeschichte feststellen, dass der Aufholprozess noch lange nicht an sein Ende gekommen ist. Fortlaufend ist mit neuen, auch kritischen Ausgaben der von der solistischen Psalmodie bis zur Sinfonie mit großem Orchester reichenden Kompositionen von Frauen auf Augenhöhe mit ihren männlichen Zeitgenossen zu rechnen, die unsere Sicht auf Epochen und Stile nachhaltig verändert haben und verändern werden.

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Kaum weniger bedeutend als ihre Schwester Maria Malibran war die Sängerin Pauline Viardot-García (1821 – 1910), darüber hinaus als Komponistin (unbekannte Quelle, 19. Jahrhundert, US p.d.).

Es ist darüber hinaus abzusehen, dass viele Namen und Biographien von Klangkünstlerinnen noch nicht einmal aus der Vergessenheit aufgetaucht sind, denn vom Mittelalter bis ins 18., selbst ins 19. Jahrhundert hinein gelangten auch groß dimensionierte weibliche Beiträge nicht einmal bis zum Druck, was bedeutet, dass wir auf Handschriften hoffen dürfen, die noch zu entdecken sind oder – wenn sie vorhanden sind – noch keine(n) HerausgeberIn gefunden haben.

In den vergangenen fünf Dekaden haben sich insbesondere Wissenschaftlerinnen des musikalischen Erbes des „anderen Teils der Menschheit“ angenommen, geforscht, ausgegraben, ausgewertet und publiziert. Abgesehen von der verdienstvollen, vorerst auf zehn Bände angelegten Reihe Europäische Komponistinnen beim Böhlau Verlag, der neben Monographien zu den ohnehin schon vor 100 Jahren bekannten Namen Hildegard von Bingen, Wilhelmine von Bayreuth und Clara Schumann auch Studien zu weniger bekannten Namen wie Johanna Kinkel, Pauline Viardot-García und Lou Koster vorgelegt hat, verschob sich der Fokus vom Handbuch oder Lexikon der Jahre 1970 bis 2000 zugunsten zahlreicher informierter Noteneditionen und Spezialuntersuchungen zu bestimmten Aspekten von Werk und Performanz hin. Letzterer Trend ist natürlich besonders erfreulich, da das Thema weiblichen Komponierens nahezu selbstverständlich geworden ist und nicht die „Differenz“ mehr als hinderliches Paradigma die Publikationen beherrscht.

Suzanne G. Cusisck: Francesca Caccini at the Medici Court. Music and the Circulation of Power (The University of Chicago Press 2015. ISBN-13: 978-22613213-6)

In ihrer noch immer als up-to-date zu bezeichnenden Monographie zum Schaffen Francesca Caccinis (1587 – 1640), die sich von ihrem zu Lebzeiten bereits berühmten Vater Giulio künstlerisch zu emanzipieren wusste, geht Suzanne G. Cusick von der These aus, dass die Erzherzogin Christine von Lorraine die Talente der Musikerin und Komponistin in einem sowohl politischen als auch persönlich-privaten Sinn zu ihren Gunsten zu nutzen verstand. Hier wird an einem sicherlich nicht auf alle Höfe übertragbaren Beispiel gezeigt, wie RegentInnen in der Vormoderne die Kunst zur Behauptung ihres eigenen Machtanspruchs instrumentalisierten. Die Rarität des Exempels liegt darin begründet, dass es sich um eine der wenigen Konstellationen in der frühbarocken Epoche handelt, in der vermögende Frauen andere Frauen protegierten.

Ellinor Skagegård: Fanny Mendelssohns unerhörtes Gespür für Musik. Übersetzt aus dem Schwedischen von Regine Elsässer. Berlin 2021. ISBN-13: 978-345868143-4. ET: 18.4.2021)

Im Schatten ihres Bruders Felix, zu dessen Schaffen sie ihr Leben lang stand, versuchte Fanny Mendelssohn, verheiratete Hensel sich ebenso als jüdische Künstlerin zu behaupten als auch zu versuchen, als für die Familie bestimmte Frau an die Grenzen der gesellschaftlich anerkannten Möglichkeiten zu gehen. In diesem Bemühen entstanden mehr als 500 Kompositionen. Diesem persönlichen Weg spürt in fiktionaler Annäherung die schwedische Kulturjournalistin Ellinor Skagegård subtil nach und lässt so ein Charakterbild der sich entfaltenden hochbegabten Persönlichkeit im Spiegel ihres Werks entstehen. Der literarisch ambitionierte Roman erscheint bald nach Ostern in deutscher Übersetzung.

Lara Denise Góes da Costa: Chiquinha Gonzaga: Sociología de Sociologia de um gênero artístico. ISBN-13: 979-869298026-7. Independently pubished 2020.)

Im Zentrum einer neuen (Bio-)Monographie steht mit der Pianistin und Choro-Komponistin Chiquinha Gonzaga (1847 – 1935) eine brasilianische Vertreterin der Spätromantik am Ende des 19. Jahrhunderts. Das bislang in portugiesischer Sprache vorliegende Buch der Sozialwissenschaftlerin Lara Denise Goés da Costa wägt die Schwierigkeiten und Chancen der Komponistin ab, sich im kulturell hochdiversifizierten Rio de Janeiro um 1900 zu etablieren und sich innerhalb der patriarchalisch dominierten Kreise des hochkulturellen Musik- und Theaterlebens der Zeit zu behaupten.

Weitere neuere Literatur über Komponistinnen:
Cecelia Hopkins Porter: Five Lives in Music: Women Performers, Composers, and Impresarios from the Baroque to the Present. University of Illinois Press 2014. ISBN-13: 978-025208009-8. (u.a. zu Elisabeth Jacquet de la Guerre)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.