Meisterwerke der polnischen Musik XLVII

La Varsovienne

Im Zuge der nachnapoleonischen Besinnung auf einheimisches Kulturgut in beinahe allen Ländern Europas entwickelte sich auf den Warschauer Tanzböden um 1850 auch die Pflege einer lokalen Mazurka-Variante: Die im langsamen Dreivierteltakt gespielte und getanzte Varsovienne bediente sich aus verschiedenen Richtungen, nahm insbesondere die Durchgänge des Walzers und Eigenschaften der Polka auf (auch wenn letztere ja geradtaktig angelegt ist).

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Auf die exzeptionelle Beliebtheit der ‚Varsovienne‘ wie auf ihre Charakteristika verweist diese US-amerikanische Broschüre aus Boston vom Jahr 1857 (The Library of Congress, Catalogue https://lccn.loc.gov/2001701365, US p.d.).

Gewissermaßen ein „Potpourri“-Phänomen als Erweiterung der Mazurka erinnert der Tanz von ferne ein wenig an die Heterogenität eines Schreittanzes wie der sogenannten Münchner Promenade, die über Dekaden von den Tanzschulen der bayerischen Hauptstadt hochgehalten wurde.

Auch in Frankreich sind lokale Beispiele für die ‚Varsovienne‘ bekannt (Camille Raibaud, Arnaud Bibonne: Varsovienne et ronde au barricot du novi, ASIN: B0816BS6GG).

Interessant ist, dass – rein räumlich betrachtet – die Varsovienne sogar deutlich größere Bedeutung als im polnischen Mutterland in den USA erlangte, vielleicht, weil sie auf einen Evergreen des 19. Jahrhunderts, nämlich das Lied Put Your Little Foot, gut zu tanzen war; beinahe ebenso große Popularität erlangte der Tanz übrigens in Skandinavien. Die charakteristische Armhaltung verbindet die Varsovienne tatsächlich mit derjenigen in der Promenade und wurde gleichermaßen in landläufigen nordamerikanischen Tänzen wie dem weit verbreiteten Square Dance, dem Contra Dance und anderen für Bälle geeigneten Favoriten verwendet.

Ein Beispiel für die Warschauer Mazurka-Typus bietet auch diese LP mit Gesängen und Tänzen aus verschiedenen französischen Regionen (ASIN: B06XP6J4FT, als MP3-Datei verfügbar).

Beim Hören und bei einem Blick in die Noten lassen sich als besondere unterscheidende Merkmale das zweiteilige Formprinzip und die Akzentuierung der Zählzeit Eins in jedem zweiten Takt feststellen. Es wird davon ausgegangen, dass die Karriere der Varsovienne bald nach 1870 ihren Abschwung nahm.

Ihre große Beliebtheit in der westlichen Hemisphäre sorgte aber dafür, dass Muster und Melodien tradiert wurden. Sonst wäre es nicht zu erklären, dass 1926 Henry Ford’s Old Time Dance Orchestra ein Stück nach ihr benannte, die britische Folk-Rock-Formation The Albion Dance Band auf einen ihrer „Schlager“ zurückgriff und dass eine ihrer Melodien eine wesentliche Rolle in Tennessee Williams‘ Theaterstück A Streetcar Named Desire spielte.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.