Musik der Karibik LXXIX

Un abanico cubano

Die auf Kuba über Jahrhunderte gewachsenen populären und nicht zuletzt akademisch informierten Musikstile spiegeln wie durch ein Prisma betrachtet die wechselnden Moden des europäischen wie afrikanischen Kontinents wider, Sympathie für und Ablehnung von vorübergehend etablierten Präferenzen. So bekam der im 19. Jahrhundert scheinbar unverrückbar beliebte französische Contredanse bald Gegenwind, Tänze spanischen Ursprungs wie Trova, Punto und Son gewannen zwischenzeitlich die Oberhand.

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Probe der National Symphonic Band Kubas im Haus des Vereins Rosalia de Castro in Havanna (Jorge Royan, 2.1.2011, CC-Liz. 3.0)

Aus letzteren gingen etwa seit den 1930er Jahren weitverbreitete oder lokal begrenzte Formen hervor, die man als spezifisch kubanisch bezeichnen kann: neben dem Changuí als schnellere, ostkubanische Variante des Son die Guajira und die Guaracha, der Bolero und der Montuno.

Moisés Simons (1889 – 1945) war Anfang der 1930er Jahre ein gefeierter kubanischer Pianist und Komponist des Son ‚Der Erdnussverkäufer‘ (‚El manisero‘, ca. 1930, Cuba p.d.).

Seit Jahrhunderten präsent waren Lied- und Tanzgut afrikanischer Plantagensklaven, die ebenso von Moden geprägt waren: Anfang der 1980er Jahre kam der Songó auf, während sich auf Jamaica bereits zwanzig Jahre zuvor der Siegeszug des Reggae angekündigt hatte. Timba und Reggaetón kamen auf Fidel Castros Enklave gegen Mitte der 1990er auf; letzterer ging auch Verbindungen mit jamaikanischer Musik ein, die immer mehr an Einfluss gewann.

Populärer Piano Tune seit 1898: ‚Cuban Star March‘ (Milton N. Hall, NYPL US p.d.)

Fast ebenso schnell breiteten sich britischer und amerikanischer Jazz, später auch der Rock’n’Roll aus, der sich mit anderen karibischen Stilen mischte und in neue Formen ausdifferenzierte. In kleinerem Umfang schwappten Einflüsse aus Brasilien und Portugal an die Küsten der Dominikanischen Republik und Kubas. Insbesondere auf dessen zahlreiche, großenteils in aller Welt bekannten Gattungen und Formen besann sich 2018 der perustämmige Tenor Juan Diego Flórez und brachte das Wiener Konzerthaus mit einer Überschau lateinamerikanischer Folklore, die für sein eigenes Selbstverständnis als Opernsänger fortdauernd Ausgangspunkt und Inspirationsquelle ist, zum Beben …

Die kubanische Musik speist sich nicht nur aus vielfältigen Quellen, sondern fächert sich in immer neue Formen auf (kunstvoll präsentierter Fächer, vermutlich auf Kuba um die Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigt; Cuba p.d.).

Literatur u.a.

Julian Gerstin:  Comparisons of African and diasporic rhythm: the Ewe, Cuba and Martinique. In: AAWM journal, Bd. 5. 2017. 2.

Peter Manuel (Hg.): Creolizing Contradance in the Caribbean. Pennsylvania PA 2009.

Sarah Town: „Timbeando en Nueva York“: Cuban timba takes root abroad. In: Ethnomusicology. Bd. 63. 2019. S. 105 – 136.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.