Vom Pferd (5)

Hipster-Hippologie

Sky Burial: „Stations Of The Sun“ (Opa Loka Records)

Wo Schmerz und Trägheit sind verbunden, wird niemand je zu Tod gesunden, sagte der große Wacken.“ (Ingomar von Kieseritzky, „Trägheit oder Szenen aus der Vita Activa“). Auch wenn Wacken, WGT und Wollust dieses Jahr mal wieder ausfallen, besteht weiterhin Freude an einer schönen Platte. Hier einige Tipps aus dem Hinterhalt.

Sky Burial – Stations Of The Sun (Opa Loka Records)
Michael Page pilgerte – noch kurz bevor dies nicht mehr möglich wurde – durch Europa, den (von uns aus gesehen) nahen und mittleren Osten sowie in den Norden des afrikanischen Kontinents. Wohin? Ins Sonnenlicht. Um Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge in ihrem regionalen (und kulturellen) Kontext zu erleben. Und um sie anschließend musikalisch zu interpretieren. Im Ergebnis scheint er jedoch eher Eklipsen zu memorieren. Aus einem tendenziell unentschiedenen, wenn nicht gar verdrossenen Drone/Ambient-Sound lugen nur ab und zu wärmend strahlende Elemente hervor. Was unbedingt zu befürworten ist. Da der Sonnenstand letztlich doch eine tagtägliche Apokalypse andeutet, deren Erkenntnis – wie schon bei Platos Höhlengleichnis – (zunächst einmal) schmerzlich ist. Vielschichtig, hintergründig, reich texturiert und dabei erstaunlich unaufdringlich exorziert Michael Page aka Sky Burial seine ans Transzendente rührende Reiseerfahrungen. Immer der Sonne nach.

Eva Lindal & Virg Dzurinko: „The Hidden Music Of Sofia G.“ (Sharakan Music)

Eva Lindal & Virg Dzurinko – The Hidden Music Of Sofia G. (Sharakan Music)
Es könnte sich um einen künstlerischen Winkelzug, einen Fake handeln: Vorgeblich haben die schwedische Violinistin Eva Lindal und der US-amerikanische Avantgarde-Pianist Virg Dzurinko Partituren einer vollkommen unbekannten armenischen Komponistin – Sofia Ganeshian – aufgefunden. Und auf dieser Veröffentlichung erstmals offiziell eingespielt. Ist diesem Braten zu trauen? Handelt es sich bei Sofia G. nicht vielmehr um eine Projektionsfläche für die eigenen kompositorischen Belange der beiden Akteure? Wie dem auch sei: Geboten wird ein breites Spektrum an Ausdruck. Von leicht vernehmlicher Reverie bis hin zu herzhaft verstörendem Improv (welcher der Legende nach notiert ist). Doch was hier besonders punktet, ist das exakte, vermeintlich gar wie „blind“ ausgeführte Zusammenspiel von Lindal und Dzurinko. Wie sich die beiden gegenseitig jenen Raum gewähren, die beide benötigen, um ihren Ausdruck auf ein Optimum zu kaprizieren, begeistert. Ganz gleich, auf welcher Quelle dieser Klang gewordene Ausbund an Intimität beruht.

Yodok & Massimo Pupillo: „V“ (Midira Records)

Yodok & Massimo Pupillo – V (Midira Records)
Innerhalb von zwei Tagen (und Nächten) zu Trondheim eingespielt – und dies vernehmbar in einem Zustand höchster Konzentration – haben Kristoffer Lo und Tomas Järmyr, diesmal in Ergänzung mit dem Bassisten Massimo Pupillo (Zu), ein Album kreiert, dessen spontane Verve und spektakuläre Lauerhaltung eine imperative Wirkung zeitigt. Denn was hier zunächst als eine beinahe schon konventionell anmutende Untermalung für Klimawandel-Dokus beginnt, diffundiert zunächst – ganz peu à peu – ins Vage. Nur um das Poröse letztlich in ein verstörendes Gremium zu transferieren, das ein Album beschließt, welches im Nachgang kaum entscheiden lässt, ob es nun zum Frohlocken oder zum Strickgriff motiviert. Aus Drone wird Jazz und umgekehrt. Kaum zu glauben, dass dieses Ereignis improvisiert ist. Oder so entstanden sein soll. Ähnlich wie im Falle von Lindal und Dzurinko (siehe oben) fällt es bisweilen schwer, den Narrativen zu vertrauen. Wer sich darüber den Kopf zerbricht, läuft Gefahr jene schwelende Ambivalenz zu unterminieren, die V in besonderem Maße auszeichnet. Insbesondere an jenen Stellen, wo der Sound stillzustehen scheint. Nota bene: Scheint.

Fly Pan Am: „Frontera“ (Constellation Records)

Fly Pan Am – Frontera (Constellation Records)
Schon erstaunlich, dass Fly Pan Am, die sich bislang vor allem mit einer am isolationistischen Gebaren grenzenden Klangsprache einen guten Namen erworben haben, im Rahmen einer Auftragsarbeit (für eine Tanz-Performance namens Frontera, – entwickelt und ausgeführt von dem Ensemble „Animals Of Distinction“, Montreal) zu einer durchweg rhythmisierten und vor allem nahezu „poppigen“ Ausformung findet. Das klingt stellenweise nach Postrock mit Prog-Allüren, manchmal meint man sogar die kanadische Akademie des Opulenz-Pop zu vernehmen (Arcade Fire, The Besnard Lakes etc.). Oder auch – um die genannten Verweise mal auf einen Punkt zu bringen – nach Archive (mit Schweineorgel). Tatsächlich lässt es sich hierzu hervorragend durchs Musikzimmer hopsen. Die Choreographie ist dabei freilich nicht bindend. Obschon sie es ja aufgrund der Funktion von Frontera sein sollte. Wenn dann aber noch Blackgaze-Elemente (auch gesanglicher Natur) oder Laibach-Chöre einfließen, ist das köstliche Chaos perfekt. Wie nennt sich der Zustand, wenn man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt? Verzückung.

Murcof: „The Alias Sessions“ (The Leaf Label)

Murcof – The Alias Sessions (The Leaf Label)
Für seinen Namen kann er nichts, für seine nun schon seit Jahrzehnten fabrizierte Electro-Kunst schon: Fernando Corona. Techno, Glitch, Dark Ambient und cinematisch nach schwelgerischer Größe strebende Electronica verbindet der Mexikaner längst auf einzigartige Manier. Sein Œuvre ist immens – und seine Live-Performances vielfach legendär. Mit dieser sich – im Idealfall des Erwerbs – über drei auf 45 rpm geschnittenen Vinyl-Scheiben erstreckenden Veröffentlichung krönt Corona (sic) seinen bisherigen Output. Dass er hier seine gesammelten Erfahrungen im Zusammenhang mit Soundtracks bündelt, sie mit immens effektiven Field Recordings (Blitz und Donner…) anreichert und dabei das Spannungsniveau – aufgrund sich ständig überlagernder Tonalitäten – über die gesamte Strecke hinweg hoch hält, ist genau jener Ehren wert, die er sich mit den Jahren erarbeitet hat. Doch Obacht: The Alias Sessions können zu einer Selbstvergessenheit führen, die in Form von plötzlich einsetzenden Selbstgesprächen vergessen lassen, dass man die Kopfhörer noch auf hat. Auf dass bloß kein Feind mithört.

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