Ein Gang durch Ecuadors Musikgeschichte

Hymne, Tanztheater, Elektroakustik

Es kommt nicht so selten vor, dass der Ausgangspunkt einer sich etablierenden klassischen Musikkultur außerhalb Europas nicht etwa die Folklore des jeweiligen Landes ist, obwohl diese natürlich ständig interferiert, sondern die Staatshymne. Und es ist kein Alleinstellungsmerkmal Ecuadors, dass es sich dabei um das fast einzige erhaltene Werk seines Urhebers handelt. Die Überlieferungslage in der Causa Antonio Neumane Marno ist deshalb so prekär, weil das „große Feuer“ von Guayaquil 1896 sein gesamtes Schaffen vernichtete.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Sinn für den klassischen Tanz hatte bereits der Komponist Neumano Marno, der zahlreiche Ballette schrieb. Heute ist die Compañía Nacional de Danza in Ecuador eine wichtige Institution des Musik- und Theaterlebens (Agencia de noticias ANDES, 26.1.2015, CC-Liz.).

Salve o Patria als einziges Relikt aus dem umfangreichen Gesamtwerk des deutsch-ecuadorianischen Komponisten, der im Jahre 1818 als Antonio Neumann auf Korsika geboren worden war, erlebte 1870 seine Uraufführung und wurde sechzehn Jahre später zur Nationalhymne Ecuadors erhoben. Aus diesem Grund erfreut sich Neumane Marno bis heute eines großen Bekanntheitsgrades, insbesondere natürlich in Quito, wo der studierte Pianist und Dirigent 1870 zum Gründungsdirektor des Staatlichen Konservatoriums der Hauptstadt berufen wurde.

Zu Beginn des 20. Jahhrunderts übernahm Domingo Brescia die Leitung des Konservatoriums von Quito (vor 1904, US p.d.).

Die Geschichte einer selbstständigen klassischen Musikszene in Ecuador scheint somit vergleichsweise kurz, aber Neumane war hier im 19. Jahrhundert nicht der einzige namhaft gewordene Protagonist. Zwischen 1904 und 1911 waltete der Italiener Domingo Brescia über die Geschicke des Konservatoriums und unterrichtete gleich zwei Schüler, die als Komponisten im Ecuador des 20. Jahrhunderts Karriere machten, Segundo Luis Moreno (1882 – 1972) und Luis Humberto Salgado (1903 – 1977). Ersterer schrieb viel für Blasorchester, aber auch zwei Ouvertüren und drei Orchestersuiten; Salgado war maßgebend für die Entwicklung des Musiktheaters, sowohl der Oper und der Operette als auch des Balletts, etwa 1947 mi El amaño, und komponierte ganze neun Symphonien sowie drei Klavierkonzerte.

Marlon Valverde tritt als Simón Bolivar in der Oper ‚Manuela y Bolívar‘ von Diego Luzuriaga auf (Teatro Sucre, Mai 2009, CC-Liz.).

Gerardo Guevara, Jahrgang 1930, der zunächst vor allem in Guayaquil wirkte, studierte mehrere Jahre in Paris und dirigierte von 1971 an das ecuadorianische Nationale Symphonieorchester von Quito, gründete dort kurz darauf den Chor der Universität und fungierte seit 1980 als Direktor des Konservatoriums. Er neigte mehr der Vokalmusik zu, engagierte sich als Komponist aber auch für die Kammermusik seiner Heimat.

Ana Vilamil Icaza (1852 – 1916) war in der männerdominierten Klassikszene Ecuadors nahezu die einzige Ausnahme. Sie genoss aber sowohl als Dirigentin wie als Komponistin Ansehen (NA, 1872, Ecuador p.d.).

Neben Diego Luzuriaga (geb. 1955) ist der bedeutendste Tonschöpfer des ländlich und kaum großstädtisch geprägten Landes Ecuador in der Gegenwart wohl der etwas ältere Arturo Rodas, ein Schüler Guevaras, der Jahre im Ausland, in Paris, Rom, London und Panama lernte und arbeitete.

In seiner Generation war es nahezu ein Muss, elektroakustische Musik ausgiebig zu studieren und anzuwenden. Bis heute sind Schlaginstrumente in Kammermusik und Orchester sein besonderes Steckenpferd, neben etlichen Solowerken für Trompete, Klarinette, Violoncello und Flöte und elektroakustischen Kreationen wie Fermez les yeux sup oder das im Titel sein Arbeitsequipment augenzwinkernd konterkarierende El llanto del Disco duro.

Ein enger Bezug zu Italien, in zweiter Linie auch zur französischen Schule Nadia Boulangers und des IRCAM ist seit Neumanes Sitz in Quito bei fast allen bekannteren Komponisten Ecuadors – mit Ausnahme Guevaras und Luzuriagas – auffällig, ebenso die Tatsache, dass wirkliche Erfolgsgeschichten in der Musik hier bislang nur Männern möglich wurden, sieht man von dem „einsamen Stern“ Ana Vilamil Icaza in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ab.

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.