Bühnenprogramm des Amsterdamer Ensembles KAMA Kollektiv im Juni

Auf Tournee: Eine Hoffnung geht in Erfüllung

Weltmusik-Alben mit direktem Bezug auf den Bruch durch die Pandemie und auf den Verlust größerer Geselligkeiten im weiteren Freundeskreis sind noch ziemlich rar, aber manch singuläres Ensemble mag sie zum Anlass einer ziemlich angstfreien Reise durch Europa genommen haben, so etwa das in Amsterdam angesiedelte KAMA Kollektiv mit seiner neuen und wiederum eigenwilligen Kompilation von Liedern und Instrumentalstücken.

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Hoffnung nach den Tiefen der Entfremdung vom geselligen Leben: Diese Botschaft vermittelt die in diesem Jahr entstandene CD des Quartetts KAMA Kollektiv (Vinyl ASIN: B095GPCPB9. Berthold Records 2021).

Toivo, so der Name der gerade erst erscheinenden CD, bedeutet auf finnisch „Hoffnung“ und ist tatsächlich aus der Sehnsucht nach dem wiederbeginnenden normalen gesellschaftlichen Leben entstanden, die spätestens im Vorsommer übermächtig wurde. In Erfurt gehörte das Konzert am vergangenen Samstagabend, das kurz darauf übrigens im baden-württembergischen Göppingen gegeben wurde, sicherlich zum bedeutsameren Repertoire der Morgendämmerung eines wieder einsetzenden Kulturlebens wie wir es kennen und wurde vom Jazz-Club der Stadt getragen.

Tiefen waren in der Krise zu erleiden und viele waren auf der Suche nach einer nutzbringenden „Hoffnung oder Schönheit“, wie es Leadsängerin und Trompeterin „Kiki“ alias Kirsi-Marja Harju ausdrückt,um sie zu überstehen. Dem Album vorausgeschickt wird eine ebenso anrührende wie heitere Episode: Eine Kreidetafel wurde benutzt, um einen Mitte dreißig gewordenes männliches Geburtstagskind nach seinem Zustand zu befragen und ebendiese Tafel hing dann im Badezimmer der Musikerin, was Gästen ebenso seltsam wie belustigend erschien. Aber es passt sehr gut zum Prinzip Hoffnung, das die Musik auf dieser aktuellen CD durchweht.

Das erste Album der Formation wurde 2020 unter dem Motto ‚Koti‘ („Das Zuhause“) veröffentlicht (Eclipse Music 2020, ASIN: B07W7GVVHG).

Für deren Sounddesign ist Weltmusik zwar ein übergeordneter Begriff, aber er ist nur ein Behelf, um scheinbar komplett Indisparates zu benennen. Denn die Instrumente des KAMA Kollektivs sind in dieser Zusammenstellung, bestehend aus Harjus folkbasierter Singstimme abwechselnd mit ihrem glasklar intonierten Trompetenspiel, Jazzklavier, von der Koreanerin Jetse de Jong virtuos dargeboten, Jonathan Nagels farbenreiches Kontrabassspiel und durch das pop- und jazzgemäße Schlagzeug des israelischen Musikers Yoad „Joe“ Korachs angereichert, wohl ziemlich einmalig.

Dass professionelle Musiker aus so verschiedenen Bereichen sich zusammengefunden haben, mag einer geradezu selbstverständlichen multikulturellen Umgebung, wie sie auch Großstädte wie Berlin, Wien und New York auszeichnet, zu verdanken sein. Konstellationen jedweder Art werden in interkulturellen Schmelztiegeln, wozu auch Amsterdam gehört, möglich sein und sie erweisen sich als ebenso produktiv wie progressiv, wozu die versammelten Stücke höchst individueller Provenienz wie Distance Song, Toivo, Phlegmatic Escapism oder Muiden käsissä („In Händen anderer“) eindringlich zeigen.

Die lyrischen Texte der Gesangsnummern sind dabei zwar überwiegend von der Stimmung zeitgemäßer finnischer Folk Art getragen, aber zum größten Teil eigenwillig komponiert. Dem einzelnen Musiker wird ein weiter Freiraum für sein spezifisches Können und seine eigene Ausdrucksfähigkeit überlassen, was den Stil, auch wenn rhythmische Einheitlichkeit in jedem Stück beabsichtigt ist, eher zu freieren Formen des Jazz als zum Folk tendieren lässt.

In Anna Magdalena Bachs Nachlass fand sich die Cello Suite in G-Dur aus der Hand ihres Mannes, die erst wieder aus der Vergessenheit geborgen werden musste. Ein Nachklang findet sich im solistischen, aber eigenständigen Solo-Kontrabassspiel Jonathan Nagels (D p.d.).

Gefiel sich ein Solist am Tasteninstrument in der Zopfzeit in improvisatorischen solistischen Kadenzen, die in den Partituren häufig nur angedeutet erscheinen, da der Basso continuo jederzeit selbstständig um (fantastisches) Rankenwerk und Läufe zu ergänzen war. In Jonathan Nagels langem Soloeinsatz gegen Ende des auf die Reflexion des Selbst durch sich und andere abhebenden Songs I wish I could see my true nature setzt der Komponist Jonathan Nagel den Kontrabass nicht nur mit Kapotaster virtuos, mal in tiefen Lagen schnarrend, mal summend, mal sägend eingesetzt, er wird immer wieder auch dem Klang des Cellos angenähert, wobei Metrum und Notenlängen bei auf- und abschwellender Lautstärke weitgehend gleichbleiben.

Je nach ihrem Tanzcharakter überwiegen in Bachs Suiten für Cello solo, eigentlich Übungsstücken für Schüler, Triolen, Quartolen, Quintolen oder Sextolen, die jene spezifische, später im Jazz weiterentwickelte Dynamik erzeugen. Dabei ist die Teilung in vier zusammenhängend zu spielende Noten die häufigere Variante da, wo sie nicht unterbrochen wird, sondern über lange Passagen in motorischem Gleichmaß dahinfließt.

In der finnischen Folklore-Tradition spielen auch die seit langer Zeit verwendeten Hirtenhörner, den heutigen Trompeten ähnlich, eine wichtige Rolle (Nationalmuseum Helsinki, Jean-Pierre Dalbéra, 13.8.2008, CC-Liz.).

Keineswegs handelt es sich dabei immer um gebrochene Akkorde, im Gegenteil, in den schnellen Sätzen wird durch die Verwendung der Dominante oder Subdominante ein Verfremdungseffekt erzielt, Chromatik und Modulation tun immer wieder ein Übriges, um das Interesse des Hörers auch bei gleichförmigen Notenwerten wachzuhalten. Zusammen mit Yoad Korachs Drumbeats bildet Nagels Spiel eine starke und solistische Continuogruppe in sich reibendem Kontrast mit den höheren Stimmlagen der Vokalstimme, dem Klavier und der Trompete auf der linken Flanke des Musikerinnenduos.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.