In der Kunstmusik beinahe Standard:

Ausgewanderte Kreative

Freiwillig oder nicht: Migration auf dem Gebiet des Komponierens ist in der Musik beinahe alltäglich, wenn nicht sogar konstitutives Phänomen. Conlon Nancarrow, der Meister des Walzenklaviers in der Postmoderne, wurde der Mitgliedschaft in einer radikalen Organisation verdächtigt und war deshalb gezwungen, in Mexiko – wenn auch nahe der Grenze zu den USA – einen neuen Hausstand zu begründen. Heinrich Schütz war es besser ergangen: Er wurde vom Monarchen Christian IV. dazu berufen, für ihn die Hochzeitsmusik zu schreiben und zu inszenieren und verließ daher – jedenfalls vorübergehend – gerne seine Heimat Richtung Dänemark, zumal eine königliche Entlohnung für seine Dienste wartete.

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Johann Stamitz, seines Zeichens Geigenvirtuose aus Havlíčkův Brod und Kapellmeister, gilt als erster eingewanderter Komponist, der den Mannheimer Stil mit seiner „Rakete“ und anderen Neuerungen begründete (http://xoomer.virgilio.it,, D p.d., US p.d.).

Ohne die nachhaltige Akquisition von produktiven Musikern während zwischen 1600 und 1750 wäre der Aufstieg der barocken und vorklassischen Kunstmusik an den Höfen nicht denkbar gewesen: Der Mannheimer Hof, wesentlich repräsentiert durch Kurfürst Karl Theodor, profitierte von seinen An- und Abwerbungen von Instrumentalisten und Komponisten aus dem heutigen Tschechien deutlich.

Unter anderen Akteuren in vielen Ländern Europas, die den empfindsamen Stil etablierten, war es die Initiative des kurpfälzischen Regenten, die für die etwa ab 1740 wahrhaft avantgardistische Innovationen vorantrieb – dank der Originalität einzelner Talente, die ihren Weg hierher fanden, wobei zunächst Johann Stamitz (1717 – ca. 1757) zu nennen ist. Der Stil der so genannten Wiener Klassik bediente sich zu einem großen Teil aus seinen Erfindungen und denen seines Vaters Carl – sowie jenen seiner gleichzeitig agierenden Orchesterkollegen und Schüler.

Australische Kunstmusik seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zeichnet sich unter anderem durch ihre interkulturelle Diversität aus (Royalty Free Orchestra photos, A. p.d.).

Abgesehen davon, dass seit einigen Jahrzehnten durch weltweite Bewegungen eine fast permanente Anreicherung der Kulturen in den Einwanderungsländern stattfindet (man denke nur an die Rolle der südseeinsularischen, chinesischen und europäischen modernen Kunstmusik Australiens), war es in den Epochen vor der Kolonisation und Selbstbehauptung rigider Nationalstaaten mit ihren bekannten fatalen Folgen selbstverständlich, dass kultureller Austausch gepflegt wurde, wo er möglich war:

Früheste Kompositionen auf brasilianischem Boden, die auf europäischer Kirchenmusik beruhen, gehen auf die Etablierung christlicher Gotteshäuser in Minas Gerais aus (Capela, Morro do Rosário, Itaúna Foto: Sudherzen, 22.1.2017, CC-Liz.,).

Wie wäre es sonst denkbar gewesen, dass portugiesische Musiker im Nebenberuf an den (ursprünglich häufig nicht gewaltfrei) neu begründeten Kirchen Brasiliens nicht nur die Pflege des Chorals weiterführten, sondern die europäische Musik sich schließlich „auf der Straße“ auch mit der indigenen Folklore vermischte und zur Entwicklung einer selbstständigen Ensemble- und Orchestermusik beitrugen?

Neben Nikos Skalkottas war es der griechische Komponist Dimitri Mitropulos (1896 – 1960), der sich in seinen Kompositionen an die europäische Kunstmusik anschloss und in seiner Eigenschaft als Dirigent des Minneapolis Symphony Orchestra in Wien ab 1955 häufig Konzerte gab. (Véronique Fournier-Pouyet, 12.12.2014, CC-Liz.).

Während der osmanischen Vorherrschaft in Griechenland zog es viele griechische Musiker in Zentren weiter entfernte Länder mit Anschluss an Westeuropa, etwa nach Budapest oder Triest. Viele fanden ihren Weg auch nach Wien. So trugen eingewanderte Musiker an den Kirchen zum Heiligen Georg und zur Heiligen Dreifaltigkeit Wesentliches zur orthodoxen Kirchenmusik bei, deren Kontinuität sie bereits am Ende des 18. Jahrhunderts gewährleisten konnten.

Der Einfluss der mehrstimmigen Kirchenmusik westlicher Prägung veranlasste um 1808 den Priester Agapios hier, byzantinische Gesänge vierstimmig ausführen zu lassen, was einer grundlegenden Reform der griechischen Kirchen- und Kunstmusik den Weg bereitete. Als Konsequenz davon schuf Anthimos Nikolaidis zusammen mit den Österreichern Gottfried Freiherr von Preyer und dem Musiklehrer August Swoboda ein System tetraphonischer Musik, das zwar zunächst keine Verbreitung fand, doch durch den Dirigenten Benedict Randhartinger aufgegriffen wurde und dann Aufmerksamkeit in anderen orthodoxen Gemeinden Europas weckte. Die Initialzündung hierfür ging, geleitet durch die Innovationen Randhartingers und Chaviaras‘ von einer Pfingstmesse im Jahr 1844 aus, die den Modernisierungsschub bereits abbildete.

Literatur hierzu:

Nina Maria Jaklitsch: Art. „Griechenland“. In: Österreichisches Musiklexikon. Zugriff: 28.8.2021 (https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_G/Griechenland.xml).

Literatur zu anderer emigrierter Musik:

Sarah-Denise Fabian, Silke Leopold, Panja Mücke, Rüdiger Thomsen-Fürst (Hg.): Johann Stamitz und die europäische Musikermigration im 18. Jahrhundert. Heidelberg 2021.

Arne Spohr: „How chances it they travel?“ Englische Musiker in Dänemark und Norddeutschland 1579-1630. Wiesbaden 2009. (= Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 45)

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.