Einstieg in die Opernspielsaison 2021/22

Auf dem Prüfstand: Puccinis Version von „Manon Lescaut“

Reduktion auf das scheinbar Wesentliche: Das Stichwort geistert seit mehr als 15 Jahren durch den Blätterwald des öffentlichen Diskurses. Auch der italienische Verismo, prominent vertreten durch Verdi und Puccini, tendierte in besonderem Maße dazu, Stoffe der Weltliteratur stark auf eine bestimmte Lesart zu verkürzen, wenn auch nicht ihrem Sinngehalt zu entfremden.

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Erster Akt: Im Vordergrund mit anderen Nonnen am Tisch eines Cafés in Amiens sitzt Manon Lescaut, dargestellt von Jessica Rose Cambio (Theater Erfurt, Lutz Edelhoff).

Im Vergleich zwischen Abbé Prévosts Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut aus dem Jahr 1731 und dem Textbuch des Autorenteams um Giuseppe Adami, Luigi Illica, Giulio Ricordi, Ruggero Leoncavallo, Puccini selbst und anderen wird dies besonders augenfällig.

Geronte de Ravoir (Máté Sólyom-Nagy) und sein Vasall (Julian Freibott) schmieden den Plan, Manon zu entführen. (Foto: Lutz Edelhoff)

Nicht alleine, dass die Jahre des Zusammenlebens Manon Lescauts mit dem spiel- und verschwendungssüchtigen Studenten Renato Des Grieux anders als in der Opernversion Massenets gänzlich aus dem Cours de récit ausgeblendet werden, vermittelt das reduzierte Libretto ohne ausreichende Vorinformation beim oberflächlichen Miterleben der Oper einen schiefen Eindruck, nach dem vorerst kein kritischer Blick auf den Umgang der Männerfiguren mit der einstigen Nonne Manon entsteht, sondern sie selbst als Verursacherin der tragischen Entwicklung hinstellt, als hätte sie selbstbewusst und alleine die Entscheidung zwischen dem Ausleben ihrer Liebe und dem materiell gesicherten Dasein im Wohlstand getroffen.

Der Adlige Geronte de Ravoir (Máté Sólyom-Nagy) rächt sich an Manon (Jessica Rose Cambio), die sich wiederum für Des Grieux entscheidet, indem er sie zur Bestrafung ins Exil schickt (Foto: Lutz Edelhoff).

Die Erkenntnis, dass die von ihrem Ausgangspunkt her mittellose Frau in Wirklichkeit Opfer paternalistisch dominierter gesellschaftlicher Positionen und Interessen wird, vermag das auf Musikdramatik zugeschnittene Konzept nur schwach anzudeuten.

Dies schmälert keineswegs Puccinis spezifisch lyrisch bestimmte Umsetzung in Musik, die am Premierenabend im Erfurter Theater gestern prächtig zur Geltung kam, vor allem in der von Guy Montavons Inszenierung, die auch den ästhetischen Voraussetzungen des Uraufführungsjahrs 1893 gerecht zu werden sucht.

Manon (J. R. Cambio) wird nur vordergründig als siegreiche schöne Frau in Szene gesetzt, in Wirklichkeit ist sie es, die alles, selbst ihre Heimat, verliert (Foto: Lutz Edelhoff).

Romantizismus und Rausch sind zwei Schlagworte, die Oper in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts beschreiben können und beides wurde versucht anzudeuten. Im zweiten Akt wurde von Hank Irwin Kittel ein in schrillen Leuchtstabfarben erglänzendes Bühnenbild realisiert, um den Salon der Madame Lescaut – markant und durchsetzungsstark gesungen von der Amerikanerin Jessica Rose Cambio – in ihrem „goldenen Käfig“ darzustellen, aus dem heraus sie gezwungen wird, in das Exil nach Louisiana zu gehen. Abgesehen von den oft nur angespielten liedhaften Momenten in Manons Vokalpartien ereignet sich ein musikdramaturgisch schroffer und die Handlung vorantreibender Gestus, wie er besonders noch für die späten Opern Puccinis kennzeichnend ist.

Vierter Akt: Hier wird Manon Lescauts Tod in der Wüste nur angedeutet (Mikhail Agafonov als Des Grieux, J. R. Cambio als Manon; Foto: Lutz Edelhoff).

Der Regie ebenso wie der balancierten musikalischen Leitung durch Myron Michailidis gelang es ebenso die Einheit des Theaterbetriebs als selbstverständlichen an das begeisterte Publikum zu kommunizieren. Es setzte sich der Eindruck durch, dass ungebrochen an vorpandemische Zeiten bruchlos angeknüpft wurde: Namentlich Siyabulela Ntlale als Manons wohlhabender Bruder sowie Brett Sprague, Juri Batukov und Julian Freibott in den weiteren Rollen zählen seit langem zum Ensemble und konnten durchgehend stimmlich überzeugen, als hätte es eine (politisch) erzwungene Pause nie gegeben.

Spielplan des Theaters Erfurt

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.