Mit einem Ohr für indigene Musik

Tänze und Lieder aus Arnhem Land

Noch einige Zeit vor dem Tasmanier Peter Sculthorpe erkundete die in Sydney aufgewachsene spätere Hochschullehrerin Mirrie Solomon die Klangkunst der Aborigines, auch wenn sie nach eigenen Worten diese in ihrem Werk nicht imitierte, sondern das spezifische Melos und besondere Merkmale der indigenen Musik auf der Basis erlernter europäischer Traditionen integrierte. Bekanntlich ging auch Sculthorpe von Genres westlicher Schule aus, suchte aber bereits die besondere Spielweise von Instrumenten wie dem Didgeridoo und Formen der Aborigines-Folklore genauer abzubilden.

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Prof. Mirrie Hill (1889 – 1986) war die erste überragende Künstlerin und Komponistin Australiens im 20. Jahrhundert, die zum (abendländischen) Gedächtnis der Aborigines-Kultur beitrug (State Library of New South Wales).

Fünfundzwanzigjährig schrieb Mirrie Solomon ihre Rhapsody for Piano and Orchestra, sechs Jahre später, 1921, heiratete sie ihren Kompositionslehrer Alfred Hill, der drei Kinder in seine zweite Ehe mitbrachte. Als eigenständige Kompositionen der an Hills Wirkungsstätte schon 1919 zur Professorin für Harmonielehrer ernannten Dozentin des New South Wales Conservatorium of Music ging schließlich der Zyklus Three Aboriginal Dances (1950) hervor, der aus den Teilen Brolga, Die Frauen von Kunkarankara und Nalda aus dem Echo besteht. Ihre Arnhem Land Symphony (1954) stellt bei aller Verortung in der abendländischen Symphonik Lieder der Aborigines ins Zentrum.

Die Verbruggen Hall im Konservatorium von Sydney, wo Mirrie Solomon-Hill Harmonielehre und später Komposition lehrte (1.7.2007, David Han, CC-Liz.)

Dance of the Wild Men ist eine CD-Anthologie mit Klavierwerken zu dieser Thematik aus dem frühen 20. Jahrhundert, die ebenso Stücke von Mirrie Solomon-Hill bietet. Dass Indigene als „Wilde“ bezeichnet werden, geht auf uralte europäische Traditionen und Denkmuster zurück – insbesondere auf die in der Aufklärung, insbesondere von Jean-Jacques Rousseau durchgesetzten Sicht auf „Wilde“ als Angehörige von Stämmen, die auf den Menschen in seiner ursprünglich-unschuldig gedachten und zum Guten erziehbaren Natur fokussiert sind.

Mirrie Solomons Interesse an der Ursprungskultur des Landes war wohl durch eine Anfrage des Ethnologen Charles P. Mountford geweckt worden, der sie bat, die Musik zu einem neu entstehenden Film über das Leben der Aborigines zu schreiben, die selbstständigen Werke dazu entstanden etwas später. Er hatte Tonaufnahmen von Aufführungen der Lieder hergestellt, die die Grundlage für den Soundtrack zu seinem Film bilden sollten.

Eine Schallplatte aus dem Jahr 1975 bietet Eindrücke vom vielseitigen Schaffen Mirrie Solomons (R-12371023-1600093538-9827 discogs cat. no., AC 1975).

Die Faszination von der „entdeckten“ Tonkunst der Aborigines hielt bei der Komponistin lange vor, auch wenn sie nach der romantischen Tradition der Zeit Robert Schumanns in ihrem umfangreichen (Klavier-)Werk neben Traum und Tanz gerne die Welt der Kindheit beschwor, etwa mit Stücken wie Three Nice Mice, Dance of the Cunning Mouse oder Child Fantasies.

Leider sind neuere Aufnahmen von Mirrie Hills Werk außer über Australian Music Centre kaum greifbar; eine Auswahl aus ihrem Gesamtwerk, vor allem demjenigen für Orchester unter der Leitung von Henry Krips, bietet die 1975 erschienene LP in der Reihe Australian Composers.

A Kookaburra Laughs at the World

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.