Seltene Pflanze des Musiktheaters: die Elektrizitätslehre

Eine bahnbrechende Erfindung

Nicht gerade täglich ist das Musiktheater Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlich-technischen Themen. Insofern ist Stewart CopelandElectric Saint, gestern zum wiederholten Male nach der englischsprachigen Weimarer Uraufführung am 5. September und noch zweimal in diesem Jahr am DNT zu sehen, ein solcher Ausnahmefall: Das Drama über den Kampf Nikola Teslas um die Durchsetzung des von ihm entdeckten günstigeren und sicheren Zweiphasenwechselstroms gegen das ältere, bislang genutzte Gleichstromprinzip, vertreten durch Thomas Edison, ist nicht nur thematisch (von einer gewissen Aktualität), sondern auch in musikalischer Hinsicht außergewöhnlich.

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Katharine (Emma Moore) verhilft Tesla (Richard Morrison) zum Erfolg: Die Lampen leuchten, der Elektrizitätsfluss führt zu keinerlei gefährlichen unkontrollierten Entladung (Foto: Candy Welz).

Denn dem aus Viriginia stammenden Komponisten Copeland, gut im Gedächtnis als Schlagzeugspieler bei der britischen New-Wave-Band The Police, gelingt die Synthese aus Funk, Pop, Symphonik und dem Musical nach dem Jahr 2000. Die divergierenden Stile verschmelzen fast zu einer Einheit. Allerdings bleibt die musikalische Faktur – vergleichbar dem Phänomen der Reformoper um die Mitte des 18. Jahrhunderts – dem Wort, hier dem nach historischen Ereignissen, aber sehr eigenwillig geformten Libretto von Jonathan Moore unterworfen.

Der Komponist als Dirigent: Stewart Copeland am 29. März 2019 am Pult – in der Londoner Royal Festival Hall (Raph PH, CC-Liz.)

Das Libretto deckt drei verschiedene thematische Ebenen ab, die in jeder Einzelszene als Basso continuo durchklingen: die Theologie, repräsentiert durch Teslas Gläubigkeit, die durch das orthodoxe Priestertum seiner serbischen Ursprungsfamilie erklärt wird und ihn wegen seiner Affäre mit der Frau eines Verlegers in Gewissensnöte stürzt, die faustische Verschreibung an die Physik, die einer Heirat offensichtlich im Weg steht, und die Skrupellosigkeit seiner Kontrahenten, die seinen wirtschaftlichen Erfolg untergräbt und vereitelt. Die Herstellung physikotheologischer Zusammenhänge in den Gesprächen, ein seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gängiger Diskurs, erfährt durch die musikalische Gestaltung eine deutlich pathetische Überhöhung.

Geschafft: Tesla (R. Morrison) liefert Edison (Uwe Schenker-Primus; am 15.10. stimmlich mitrealisiert von Tobias Meichsner) den Beweis für das Funktionieren seiner „verrückten“ Erfindung des Wechselstroms. (Foto: Candy Welz)

Im Mittelpunkt stehen, der Tradition der romantischen Oper ebenso wie der Musicals nach Art Andrew Lloyd Webbers folgend, gesungene und gesprochene Dialoge in Duettform, die versuchen, die Gegenwart in die historische Situation hineinzuholen, um den zunächst spröde scheinenden Stoff um die großen Gefühle des veristischen Musiktheaters zu ergänzen. Die verheiratete Katharine ist eine geschichtlich verbürgte Person, die im Drama Tesla bei seinen Experimenten ebenso wie in seiner Karriere unterstützt und die hier von der australischen Sopranistin Emma Moore gesanglich wie schauspielerisch überzeugend in Szene gesetzt wird.

Tesla (R. Morrison) wird durch Katharine (E. Moore) und Robert (Jasper Sung) zur Vermarktung seiner Erfindung der Kontakt zu Westinghouse (Alexander Günther) als Investor empfohlen. (Foto: Candy Welz)

Besondere Berücksichtigung erfahren in der Partitur die Blechbläser, allen voran Trompeten und Posaunen, außerdem die Fagotte. Um den Ton der Harfe, die eine eigene, teilweise die lyrischen Partien verstärkende Rolle spielt, besonders hervorzuheben, wurde sie von der Regie aus dem Orchestergraben in eine Seitennische auf der Bühne platziert. Als Zupfinstrument erhält sie so zudem eine symbolische Aufladung, insofern ihre Saiten mit den von Strom durchflossenen Drähten korrelieren, die zu Teslas imposanten Experimenten führen. Seine Erzeugung des Wechselstroms und das daraus resultierende Blitzgewitter der Reaktion wird durch die Partitur klanglich kongenial umgesetzt. Das Schlagwerk, Kastagnetten inklusive, bereichert die Dramatisierung der Partitur rhythmisch, auch wenn alle Stimmen des Orchesters ebenso vielfältig dazu beitragen. Gregor Bühl vermochte es mit der Staatskapelle Weimar die Klangfarben angemessen schillern zu lassen.

Tesla (Richard Morrison, rechts) trifft auf den Geschäftsmann Morgan (Oleksandr Pushniak, links), der von seiner Erfindung gerne finanziell profitieren würde. (Foto: Candy Welz)

Der wegen seiner lyrischen Stimme an den britischen Opernhäusern geschätzte und erfahrene Bariton Richard Morrison singt die umfangreiche Titelrolle Nikola Teslas und J. P. Morgan, dem hier die Rolle des skrupellosen Bankiers und Finanzbetrügers zugeschrieben ist, der den alternden Edison (Uwe Schenker- Primus) zunächst unterstützt, erfährt seine dämonisch-abgründige Darstellung durch den jungen Bass-Bariton Oleksandr Pushniak, der seit 2018 am DNT Weimar unter Vertrag ist.

Zwar kann Nikola Tesla seinen Erfolg feiern, doch wird er, jedenfalls nach dem Libretto, wenig davon haben (Richard Morrison, Uwe Schenker-Primus als Edison im Vordergrund; Foto: Candy Welz).

Regie führte im übrigen kein Geringerer als Librettist Jonathan Moore selbst, der in Großbritannien seit langem als Schauspieler und Dramatiker tätig ist und mit großen Ensembles wie der Royal Shakespeare Company zusammengearbeitet hat. Er brachte die Stücke sowohl an der English National Opera, dem Royal Opera House und der Scottish Opera ebenso zum Laufen wie im LaFenice Venedig, der Long Beach Opera und auf der Münchner Biennale.

Spielplan des DNT Weimar

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.