Musicalpremiere am Samstagabend

Thrill und Ironie

Dem amerikanischen Musical-Komponisten Stephen Sondheim gelingt es sowohl dramaturgisch als auch musikalisch, in seinem Sweeney Todd die Waage zwischen Thrill und Ironie zu halten. Gerade dort, wo die an sich realistisch eingefädelte Handlung ins Absurde umkippen will, mehren sich die spaßigen Allusionen der Dialoge angesichts des blanken Horrors.

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Lud am Abend des 6. November 2021 wieder einmal zur Musicalpremiere ein: das Theater Erfurt (Wasserspiele, Dguendel, 22.5.2011, CC-Liz.).

Katja Bildt als Nellie Lovett und Máté Sólyom-Nagy als Benjamin Barker alias Sweeney Todd glückte die Umsetzung eben dieser Momente in Libretto und Partitur an diesem Samstagabend anlässlich der Erfurter Premiere herausragend. Konnten anfänglich auch Zweifel aufkommen, ob es ein guter Einfall war, die um einige spezifisch deutsche Idiome angereicherte Übersetzung zu verwenden statt der mit der Geschichte des amerikanischen Musicals ursächlich verbundenen englischen Originalsprache, so wurden diese im Verlauf der Aufführung dank der über das Maß stimmigen Leistung dieser beiden Protagonisten einigermaßen zerstreut.

Anthony Hope (Thomas Klotz, rechts im Bild) rettet Sweeney Todd (Máté Sólyom-Nagy) aus Wassernot (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Für Regisseur Matthew Ferraro handelte es sich bei dieser Inszenierung am Theater Erfurt (leider) nur um ein Gastspiel, nachdem er mit Madama Butterfly 2014 ebenso hier und erstmals in Europa in Erscheinung getreten war; tatsächlich ist der in New York gebürtige ehemalige Princeton-Student mit seinen Opernproduktionen im gesamten Gebiet der USA völlig ausgelastet.

Die unheimliche Pastetenbäckerin Mrs. Lovett verbündet sich mit dem auf Rache sinnenden Barbier Sweeney Todd ().

Seine Umsetzung des Horrorklassikers nach Christopher Bond, die auch schon mit Johnny Depp als mordender Barbier im Kino Erfolge feierte, fühlt sich traditionellen Elementen verpflichtet, wurde das Musical erstmals doch bereits 1979 aufgeführt. Die grauen Häuserfassaden und dunklen Straßenzüge des Bühnenbilds weisen indirekt auf die mangelnde Sicherheit innerhalb einer schon vor Mitte des 19. Jahrhunderts sozial ins Wanken geratenen Gesellschaft der Epoche hin, in der die Kriminalisierung sowohl der Unterschicht als auch die Skrupellosigkeit der herrschenden Kaste massiv um sich griffen.

Rudolfo Pirelli (Julian Freibott) brüstet sich mit seinen Barbierskünsten (Lutz Edelhoff).

Schließlich beruht der in seinen monströsen Dimensionen höchstens noch an Jack The Ripper gemahnende Gewaltrausch, in den sich der Barbier stürzt, durch eine unvergleichbare Ungerechtigkeit begründet: Richter Turpin verurteilte ihn einst aufgrund eines nicht von ihm vergangenen Verbrechens und schickte ihn auf eine Gefängnisinsel des Britischen Empire namens Australien. Nach 15 Jahren zurückgekehrt entfaltet sich angesichts der Konfrontation mit dem Verursacher seines Unglücks, das ihn von der Familie trennte, sein Rachedurst.

Richter Turpin (Juri Batukov, links) verurteilte Benjamin Barker einst wegen eines unverschuldeten Verbrechens (hier mit Ks. Jörg Rathmann als Büttel Bamford; Foto: Lutz Edelhoff).

Die Verstrickung wird komplettiert durch den Umstand, dass Sweeneys Tochter Johanna bei Turpin mit dem sprechenden Namen „Der Schändliche“ als dessen Mündel eingesperrt lebt und dieser sie ehelichen will. Anthony Hope, dargestellt von dem versierten Musicalsänger Thomas Klotz, rettete Sweeney Todd aus der Themse, als er zurückkam, verliebt sich nun aber in Johanna, als er sie auf dem Balkon erblickt, Vom Richter wird er scharf zurückgewiesen, als er sie in seiner Gesellschaft entdeckt.

Mit großem Opernchor: Barbier Sweeney Todd (Ks. Sólyom-Nagy) mordet unentdeckt in seiner Stube, während Mrs. Lovett (Katja Bildt, unten Mitte) sich über zahlreiche Kundschaft freut (Lutz Edelhoff).

Johanna wurde zur Erfurter Premiere von Steffi Regner, mit der Rolle bereits vom Oldenburger Staatstheater bestens vertraut, mit großer Einfühlsamkeit und stimmlicher Perfektion verkörpert. Mit ironisch angespitzter und prägnanter Stimme spielt Julian Freibott, der auch schauspielerisch zur ersten Garde des Theaters gehört, den betrügerischen Meisterbarbier Rudolfo Pirelli, der einst Lehrling unter Benjamin Barker, dem späteren Sweeney Todd war und im ersten Akt als dessen bartscherenden Konkurrent um die Gunst der Londoner auftritt.

Anthony Hope (Thomas Klotz) liebt Johanna, Benjamin Barkers alias Sweeney Todds Tochter (Lutz Edelhoff).

In einigen Teilen ist das Musical von Stephen Sondheim, der die Gesangstexte selbst verfasste, der Gattung Operette verpflichtet; Dirigentin Claudia Patanè arbeitete diesen Aspekt der Partitur demonstrativ heraus ebenso wie sie den Passagen, in denen die stakkatierte, auf Primrepetition beruhende Untermalung des Horriblen ganz nach dem Vorbild von Hitchcocks Film Psycho seinen nervenkitzelnden Eindruck nicht verfehlen soll.

Nach einem der Schöpfer des Musicals in zweiter Broadway-Generation, Stephen Sondheim, ist in New York ein Theater benannt (ca. 1970, RR Auctions, US p.d.).

Neben den eher biederen Interieurs, die die schlichte Bürgerlichkeit des Daseins von Mrs. Lovett und dem Barbier Todd unterstreichen soll, gelang der Lichtregie von Torsten Bante unter anderem mit ihrem dezenten Einsatz der dramaturgisch konstitutiven Farbe Rot ein überzeugendes Arrangement. Dagegen brillierte neben den Rollensängern, darunter auch Tom Schimon und Kammersänger Jörg Rathmann, der Opernchor des Theaters, in den Soli einstudiert von Roberto Secilia, insbesondere im zweiten Akt in allen nur denkbaren Klangfarben und -schattierungen.

Spielplan des Theaters Erfurt

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.