Freitagabend: "Die Hochzeit des Figaro" am Theater Erfurt

Kammergesänge mit Dramatik und Witz

Wenn es um die Vorarbeiten zu einer neuen Operninszenierung geht, stehen allzu selten die emsigen Arbeiten hinter den Kulissen im Vordergrund. Ihnen ist es jedoch zu verdanken, dass eine ebenso tiefengestaffelte wie latent symbolträchtige Bühnenillusion erzeugt wird. Dazu bedarf es in der Regel einer eigenen Crew, die dem Sängerpersonal an Zahl nicht nachsteht. Für die zweite Aufführung der aktuellen Erfurter Version von Mozarts Le nozze di Figaro, uraufgeführt 1786, wurden besondere Arrangements wie Videoprojektionen und besondere Lichteffekte genutzt.

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Des Grafen Schatten an der Wand – in einer Videoperformance synchronisch perfekt ergänzt durch Torge Møllers Projektion (Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt)

Videodesign ist das große Fachgebiet des Norwegers Torge Møller, der unter anderem unter der Regie von Peter Konwitschny und Philipp Stölzl gearbeitet hat, und kommt hier zum Einsatz: Graf Almavivas Schürzenjagd auf die Kammerzofe Susanna (Daniela Gerstenmeyer) wird von seinem Kammerdiener Figaro (Máté Sólyom-Nagy) entdeckt. Stellvertretend attackiert Figaro in Martina Vehs Inszenierung nun den überlebensgroßen Schatten, den der Graf (Siyabulela Ntlale) auf eine Zimmerwand wirft, mit einer Scherenhand. Die Streifen, die er dabei nach und nach in die Figur schneidet, können dank einer Videoprojektion auf der ganzen Wandfläche dargestellt werden, ohne dass der Sänger diese berühren müsste.

Das erträumte Paar des Librettos, Figaro und Susanna befinden sich in heftigem Disput (Máté Sólyom-Nagy, Daniela Gerstenmeyer, Foto: Lutz Edelhoff).

Momme Hinrichs Ausgestaltung der Bühne im Zusammenwirken mit Regisseurin Martina Veh folgt ebenso wie die durch gewisse Überproportionierungen verzerrte Kostümierung der Figuren historischen Mustern, die durchaus der südeuropäischen Mode in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschuldet sind. Es sind dabei insbesondere die aufgetürmten Frisuren aus der Adels- und Bürgerwelt des Rokoko, die in grotesker Überspitzung gezeigt werden, seien es die grotesk anmutende von Hofdoktor Bartolo (Kakhaber Shavidze) oder Susannas noch durch eine Mütze in die Höhe verzerrte Puderperücke. Der Welt des Adels in langem Gewand werden die kurzen Röcke und Bundhosen der bürgerlichen Welt, die überwiegend in bunter Durchmischung auftreten, gegenübergestellt.

Elbenita Kajtazi als Gräfin Almaviva (links), Daniela Gerstenmeyer als Susanna und Máté Sólyom-Nagy als Figaro (Foto: Lutz Edelhoff)

Mozarts musikalische Gestaltung folgt den Vorgaben von Da Pontes Libretto nach der seinerzeit verrucht anmutenden Beaumarchais-Komödie La folle journée ou Le mariage de Figaro in vielerlei subversiven Windungen, die kontrapunktisch perfekt inszenierte Allusionen auf barocke höfische Tänze und Arien einbeziehen. Die ironische Abbildung der Adelswelt in ihren eigenen Formen und Genres korrespondiert der revolutionären Stoßrichtung des Schauspiels.

Figaro entpuppt sich als Sohn Marcellinas (Katja Bildt) und Bartolos (Ks. Jörg Rathmann in der Rolle des Don Curzio, rechts im Bild; Foto: Lutz Edelhoff).

 

Die Egomanie der vor ihrer langsamen Ablösung stehenden Adelsherrschaft an den kleineren und größeren Höfen scheint hinter der Fassade durch ebenso wie die Gewohnheit der Verstellung und Intrige, an der freilich alle, Dienstpersonal und  autokratisch regierender Fürst, beteiligt sind.

Man muss allerdings nicht Larissa Wieczoreks auf den Aspekt der Herrschaft des Geldes zugespitzte Gesamtinterpretation teilen, denn so würden die ganz im Sinne des Aufklärungszeitalters auf menschliche Schwächen bezogenen komplexen Figurenkonstellationen des Schauspiels ausgeklammert. Gerade diese stehen aber im Rampenlicht und es geht den handelnden dramatis personae keineswegs nur um den materiellen Vorteil.

Zwischen dem Grafen (Siyabulela Ntlale) und seiner Gattin Rosina (Elebnita Kajtazi): Figaro und Susanna (Foto: Lutz Edelhoff)

Vielmehr raufen sich die Protagonisten in ihrer überwiegend paarweisen Aufstellung zur Erfüllung vom Bürgertum der Zeit gesetzter Normen auf: Nur so kann Figaros Hochzeit mit Susanna, die ihm in ihrer sozialen Position am Hof des Grafen gleichgestellt ist, gelingen. Sie gewinnt Oberhand über die alte Freundschaft, die den einfachen Barbier Figaro einst mit seinem aristokratischen Brötchengeber Almaviva verband.

In diversen Tier- und Schutzmasken bedrängt die Hofgesellschaft Dr. Bartolo (Ks. Jörg Rathmann; Foto: Lutz Edelhoff).

Bei aller auch instrumental ausgekosteten Komik gelang dem Dirigenten Samuel Bächli zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt auf Basis historisch informierter Aufführungspraxis gerade eine dramatisch akzentuierte Interpretation der populärsten Arien der Oper. Aus Sicht des Rezensenten zu Recht galt der größte Applaus nach dem Schlussvorhang dieses Freitagabends der aus dem Kosovo stammenden Sopranistin Elbenita Kajtazi als Rosina, die ihren besonderen Auftritt (spätestens) mit der Arie über die Treulosigkeit des ihr angetrauten Grafen im dritten Akt hatte und die raumfüllende Dynamik ihrer Stimme unter Beweis zu stellen vermochte.

Die Gräfin Rosina mit ihrer Kammerzofe Susanna (Elbenita Kajtazi, rechts und Daniela Gerstenmeyer; Foto: Lutz Edelhoff)

Kajtazi war 2014 Young Artist der Deutschen Oper Berlin, bevor sie in München (unter anderem neben Plácido Domingo) und Genf an großen Projekten mitwirkte und an der Hamburgischen Staatsoper die Nannetta in Verdis Falstaff sang. Geschmeidig gab Florence Lasseau den Pagen Cherubino, überzeugend Siyabulela Ntlale den Grafen und Daniela Gerstenmeyers Susanna-Part gelang einmal mehr auf durchgehend hohem Niveau.

Spielplan des Theaters Erfurt

Autograph der Partitur von Mozarts ‚Le nozze di Figaro‘ (1.2.2012, www.orchestralbassoon.com; A p.d., US p.d.)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.