Tagträume, Verwirbelungen, Schrecken in der Natur

William Turners Bilder … in Musik?

Eine zuletzt realisierte große Hommage an die Malerei von William Turner beruhte auf der Faszination der Stille, die von den Gemälden des schwer einer Stilrichtung zuzuordnenden britischen Künstlers ausgeht. Sie kommt von dem niederösterreichischen Gitarristen und Komponisten Burkhard Stangl. Er widmete Turner sein Album Unfinished

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Eine Verneigung vor dem großen Landschaftsmaler war Burkhard Stangls ‚Unfinished. For William Turner, painter‘ (ASIN: ‎ B01JT6R9OU, Touch UK, 2013).

Wie das österreichische Magazin Der Standard im Jahr 2014 zur Neuerscheinung dieser CD die daraus entstandene Klangwelt charakterisiert, wollte Stangl, Jahrgang 1960, mit seiner Vertonung „ambient-inspirierte Assoziationsräume zum Tagträumen“ schaffen. Anders als etwa Modest Mussorgskij mit seinen Bildern einer Ausstellung ging es ihm aber nur darum, die Atmosphäre der Bilder einzufangen, nicht Gemälde musikalisch zu beschreiben oder zu illustrieren. Stangl rief nach der Gründung eines Jazzensembles im Jahr 1991 die Neue-Musik-Formation Maxixe ins Leben. Sein Stil, der zwischen Jazz, Rock und Avantgarde changiert, lässt sich ebenso wie der seines Künstler-Vorbilds kaum festzulegen. Aus seinen Vorarbeiten lässt sich zudem kaum erkennen, warum der Musiker gerade einem Maler des 19. Jahrhunderts zugeneigt gewesen sein sollte; Gemeinsamkeiten sind nahezu ausgeschlossen …

Der Eindruck ist zwiespältig, bedrohliche Aspekte der Natur nicht ausgeschlossen: Turners ‚Sun Setting over a lake‘ aus dem Jahr 1840 (GB p.d.).

Da laut Anselm Gerhard von den Verwirbelungen der Linienführung, der Farben und Kontraste auf Turners Bilder eine tendenziell „bedrohliche“ Wirkung ausgeht, würde seiner Kunst aus intermedialer Perspektive wohl eher eine musikalische Chaosdarstellung wie in Haydns Schöpfung oder wie im „formlosen“ Anfang von Beethovens 9. Symphonie eignen. Der Schrecken angesichts der Natur, wie er nach einer Wegbiegung einen Wanderer beim Anblick eines unerwartet riesigen Gebirgsmassivs ereilen könnte, wäre in der Epoche der Wiener Klassik wohl nicht verstanden, sondern, gemäß einem vorherrschenden Paradigma des 18. Jahrhunderts, als Eindruck des Erhabenen gedeutet worden. Für die Romantik gilt dies weiterhin, denn folgerichtig liefert etwa Liszts am Ende in eine Idylle verklärte Komposition Vallée d’Obermann für das Unwägbare und Erschreckende der Natur anders als beim Betrachten der Bilder Turners keinen Beleg.

Turners ‚Music Party, East Cowes Castle‘ entstand 1835 und zeigt eine intimere kammermusikalische Szenerie (National Gallery Tate, N03550, GB, US p.d.).

Ein kammermusikalisches Konzert im LWL-Museum für Kunst und Kultur am 29. November 2019 nahm Bezug auf die häufigen Auslandsreisen des Malers, insbesondere nach Italien und in die Alpen und suchte diese anhand von zeitgenössischer Musik nachzuzeichnen. Im Vordergrund stand dabei auch nicht die klangliche Charakterisierung einzelner Bilder, sondern der Aspekt der dramatischen Darstellung (von Natur), wie er in den Gemälden zum Ausdruck kommt. Symphonische Lieder entstanden auf der Grundlage von Turners Malerei und anlässlich einer Veranstaltung unter dem Motto The Prince of the Rocks. The world of J.M.W. Turner.

Von William Turners Kunst inspirierte Musik

 

Literatur u.a.
Edward Lockspeiser: Music and painting: a study in comparative ideas from Turner to Schönberg. London 1973.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.