Ein praktisches Detail im spätromantischen Orgelbau

Umwälzende Registerwalze

Ein Revival feierte 100 Jahre nach einem Höhepunkt technischer Entwicklung die Crescendo-Registerwalze über der Pedalklaviatur der Orgel. Denn erst seit den 1980er Jahren besann man sich wieder auf die Klangqualitäten der in der Spätromantik erbauten Instrumente.

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Diese traditionsgemäß neben dem Spieltisch angebrachten Registerzüge erfuhren durch die Crescendo-Registerwalze Ende des 19. Jahrhunderts eine deutliche Modernisierung. (Baptist Church, Cirencester, Nilfanion, 26.5.2014, CC-Liz.).

 

In fruchtbarer Konkurrenz standen zu dieser Zeit, die durch Komponisten wie den in seinem Einfluss kaum zu überschätzenden Charles-Marie Widor, César Franck und Louis Vierne repräsentiert wurde, eine französische und deutsche Modernisierungswelle im Orgelbau, mit wesentlichem Einfluss auf die überraschend neuen Klangergebnisse.

Registerwalze mit den Instrumentenbezeichnungen und den Intervallen an einer Orgel aus Unterreitnau (1.3.2012, 32-Fuß-Freak, CC-Liz.)

 

 

Im Orgelbau jenseits des Rheins setzte man, abgesehen von der Besonderheit der riesigen Spieltische, auf die Zu- und Ausschaltung von Registergruppen durch Sperrventiltritte, während diesseits auf freie Registerkombination und die stufenlos und bequem mit dem Fuß rollbare längliche Registerwalze setzte, die auch die dynamische Steuerung erlaubte. Seit etwa 1875 wurden solche „Musikmaschinen“ gebaut und immer weiter perfektioniert. Die Pflege nationaler Sonderwege setzte sich fort, bis erst die Rückbesinnung teils auch eine Vermischung französischer und deutscher Orgelbauelemente mit sich brachte, was wohl den Vorstellungen, die in spätromantischer Epoche Albert Schweitzer hatte, entsprochen hätte.

Der Komponist Sigfrid Karg-Elert (1877 – 1933) ist Urheber umfangreicher Orgelmusik, für die ihm als Ideal die Orgel mit Rollschweller zur „gleitenden“ Umregistrierung vorschwebte (ca. 1913, Atelier Neuhaus, Dortmund, D/US p.d.).

Bekannt ist, dass erst die „kleine“ Revolution im 19. Jahrhundert durch Aristide Cavaillé-Coll die Nutzung der Orgel als sinfonischer Apparat mit bewusst intendierter orchestraler Klangqualität erlaubte. In Paris schuf Cavaillé-Coll mehr als fünfhundert Instrumente, deren subtil differenzierbare Klangwelt seit vierzig Jahren wieder das Publikum der Kirchenkonzerte bestrickt, womit die so genannte „Orgelbewegung“ (seit den 1920er Jahren) gleichzeitig der neueren Originalklangästhetik gerecht wird.

 

Schweller und Crescendo-Walze über den Orgelpedalen (Ternitz, 13.7.2020, JJBB1, CC-Liz.)

 

 

 

 

 

Literatur u.a.

Willi Lippuner: Orgeln der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Musik und Gottesdienst. Band 28. 1974. S. 110 – 116, 130 – 137.

Joachim Walter: „This heaving ocean of tones“ : Nineteenth-century organ registration practice at St. Marien, Lübeck. Dep. of Musicology, Göteborgs Univ., 2000. (2 Bände)

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.