Zwei außergewöhnliche Musikinstrumente

Pantaleon und Hang

Von weitem sieht es einem  modernen Cembalo nicht unähnlich: Der Rostocker Musikwissenschaftler und Orgelbauer Martin-Christian Schmidt bildete in seiner Werkstatt 1992 ein verschollenes Pantaleon vom Beginn des 18. Jahrhunderts nach. Dabei handelte es sich um ein großdimensioniertes Hackbrett, auf dem eine ganz standardmäßig wirkende Klaviatur nicht mit den Fingern, sondern mit Holzschlägeln bespielt wurde, die einseitig lederbezogen waren. Das Instrument war umdrehbar, wodurch der Klang der metallenen mit dem der Darmsaiten vertauscht werden konnte.

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Ansicht des von Martin-Christian Schmidt nachkonstruierten Pantaleon-Hackbretts (Xaver X. dreißig, 10.4.2014, CC-Liz.)

Pantaleon Hebenstreit, seines Zeichens Violinist und der Urheber, reiste mit diesem denkwürdigen Hackbrett seit 1690 umher, erstmals 1705 nach Frankreich, wo es der Sonnenkönig selbst auf den Vornamen seines Erfinders getauft haben soll. Hebenstreit übergab das Patent zum Zweck der Produktion an den namhaften Orgelbauer Gottfried Silbermann, da dieser in der Lage war, mehrere, wenn nicht zahlreiche Exemplare davon herzustellen. Der Tonumfang reicht in der Regel vom voluminösen Bass-Dröhnen des Kontra-E fünf Oktaven nach oben, verfügte also über einen für die Zeit beträchtlichen Ambitus. Über die Virtuosität des Erfinders selbst auf diesem Hackbrett, damals als „Cymbal“ bezeichnet, berichtete im übrigen Georg Philipp Telemann, da er in einem Ensemble mit ihm zusammen auftrat. „Artfremd“ ist die Bauart als eigentliches Tasteninstrument, beispielsweise als Pantalon-Clavichord.

Der Standard: ein Hang Godo (Fliquid Music, 9.4.2020. CC-Liz.)

Hang“ bedeutet eigentlich auf Bernerdeutsch „Hand“, da es mit dieser und nicht einzelnen Fingern bespielt wird. Seine Schöpfung auf der Basis der karibischen Steelpan geht nämlich auf zwei Berner, nämlich Sabina Schärer und Felix Rohner zurück, die genau im Jahr 2000 im Rahmen ihrer Forschungen ihre Idee in die Tat umsetzten. Heute ist es nicht zuletzt wegen seiner praktischen Handhabung, da es beim Spiel lediglich auf den Knien ruhen muss, ziemlich weit verbreitet und wird gerne im Freien benutzt. Einige Spieler erreichen außerordentliche Virtuosität und treten alleine quasi als ganzes Kammerensemble auf.

Überblick über die Hangfamilie, wie sie im Konzert ein Pangensemble präsentieren kann, im Vordergrund links das „Urmodell“ von 1999 (Michael Paschkow, 21.8.2007, GNU Free Doc. Lic.)

Jedes der sieben oder acht kreisförmig angeordneten runden Felder verfügt über einen Grundton, seine Oktave und Duodezime, wodurch es deutlich über zwei Oktaven hinausgeht. Die vibrierende und etwas dumpf schwingende Resonanz wird durch ein Loch in der Mitte des wokähnlichen Instruments, Gu genannt, mit der Handwurzel erzeugt. Um dieses herum liegt das Ring-Ding, der zentrale Klangbereich des Hang. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, mit den Händen verschiedene Töne zu erzeugen. Bis heute hat sich die Hangfamilie nahezu sprunghaft in Varianten aufgefächert. Hinsichtlich des Repertoires besteht eine starke Intention (nicht nur) seitens der Urheber, Pangensembles aus verschiedenen, auch zweischaligen Instrumenten, Improvisationskunst voranzutreiben.

Literatur u,a,

Michael Günther: Das Pantalon – ein verkanntes „Clavier“ des 18. Jahrhunderts. In: Zur Entwicklung des Klavierspiels von Carl Philipp Emanuel Bach bis Clara Schumann. 2017.  S. 197 – 236.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.