Im Grunde (1)

Headline Hämatom

Cats On Trees: „Alie“ (tôt Ou tard/No Futures)

Gute Musik funktioniert, wie ein Suppedaurum. Derweil gute Literatur dazu imstande ist, sämtliche Herzbeutel zu pulversieren. In als lang empfundenen Nächten dräut der nächste Tag, obschon wir der ewigen Finsternis gewiss sind. Wir alle; es soll niemand meinen, dass Helle eingepreist sei. Im Folgenden ein paar Hinweise. „Für die Fans“, wie Extrem-Reporter Alois skandieren würde. Ob der tschechische Bär noch lebt?

Cats On Trees – Alie (tôt Ou tard/No Futures)
Ziemlicher Pop-Schmonzes, der viel französisches Flair verströmt: arrogant, lari-fari. Wäre da nicht der Opener („Please, Please, Please“), der sinniger Weise die Schnittmenge aus Sally Oldfield und X-Perience à la Gödel vermessen würde. Pardon, vermisst. Wer sich an diesem Glanzstück orientiert, fährt zum ESC, – und wird punkten. Wie bereits angedeutet: Der Rest verursacht mitunter Karies im Ohrenschmalz, doch besagter Song ist große Kunst. Period!

Philippe Petit & Michael Schaffer: „II“ (Opa Loka Records)

Philippe Petit & Michael Schaffer – II (Opa Loka Records)
Mit Kunst haben die beiden Créateurs wohl auch was zu schaffen. Indem sie auf ihrer neuen Kollaboration die Frage aufwerfen, wo das Sperrige beginnt. Und wo das Genehme endet. Die so oft beschworenen Sound-Landschaften bleiben karg. Erst zum Ende hin fügen sich Farben ins Tableau einer Palette, die Leinwände zu Ikonen degradieren könnte, so Berge sich selbst versetzten: „From atop of a hill all of a sudden …“ – wer seine Pressemitteilung derart auffahren lässt, muss sich für den verbleibenden Eindruck sicherlich „nicht schämen“ (Rainhard Fendrich).

Ghédalia Tazartès: „Gospel et le râteau“ (Bisou Records)

Ghédalia Tazartès – Gospel et le râteau (Bisou Records)
Muss sich auch nicht G.T., der kurz vor seinem Tod noch A. Artaud rezitiert. Auf einem höchst enigmatischen Album, dessen dort offenbarte „Vocal Performance“ Schlüsselbünde vor die Zehen wirft, wo kein Bart mehr Türen öffnet. Die Idee, Hingabe mit Ablehnung zu verbinden, mag nicht neu sein. Doch dieses Album, versehen mit einer schlichtweg bezaubernden Photographie von Isabelle Magnon, cremt jegliche Zahnpasta-Tuben ein, die aus lauter Pathos gefüllt zu sein scheinen. RIP, Ghédalia. Great work!

Movietone: „Peel Sessions 1994 – 1997“ (Textile Records)

Movietone – Peel Sessions 1994 – 1997 (Textile Records)
Es gab Flying Saucer Attack, die Third Eye Foundation und Crescent. Aber auch Wall Of Voodoo, Split Enz oder XTC. Von daher ergibt auch diese VÖ eine Menge der Lehre, dass Wave, Drone und irgendwie auch Pop durchaus Plausibilitäten zu erstellen wussten. Dass Spürnase John Peel bei Kate Wright & Co. aufmerksam wurde, sollte nunmehr auch der allerletzten Spex-Leserin wie Schuppen aus den Armhaaren sprießen. Wobei das Potenzial zur „Tanzbarkeit“ nicht unterschätzt werden sollte. In Georgien, so ist es zu vernehmen, gelten Movietone schon jetzt als der heißeste Fäzes. Wenn es darum geht, Disintegration in latente Melodik umzumünzen. Emanation, das könnte passen.

Maurizio Bianchi: „The Plain Truth“ (Verlag System)

Maurizio Bianchi – The Plain Truth (Verlag System)
Mit soeben besagtem Phänomen (RIP Gernot Böhme) hantierte M·B schon recht gut, doch Immersion und Emblematik ins jeweilige Gegenteil verkehrend, raubt seine „reine Lehre“ den Verstand. Zumindest für den Zeitraum, in welchem sie sich auf dem Plattenteller dreht. Es mag das Weiß seiner Lider sein, das dafür sorgt, dass jede Schwingung erfolgreich jedem Telos abschwört. Das viel zu häufig beschworene Diffuse relativiert alles, was sich der negativen Kritik an einer aktuellen C. W. Gluck-Aufführung entzieht. Alle Himmel stehen offen; die Reisen, welche M·B bereits 1983 unternahm (es war das Jahr von „Moonlight Shadow“, „Safety Dance“ und „Vamos a la playa“) kamen (und kommen) ohne einen einzigen aus.

„Er, Troya, ist ein Mann um die Fünfzig, sieht aber jünger aus.“ („Petrolio“, P P Pasolini, zum 100sten geherzt)

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