Pfade durch die Musiklandschaft Australien LXXXI

Inspiration: aus Griechenland und anderen Weltregionen

Bei allem Applaus, den Stewart Copelands Musical-Oper Electric Saint im letzten Jahr erntete, sollte doch in einer Fußnote erwähnt werden, dass er nicht der erste war, der sich genau dieses historischen, aber in seiner literarischen oder librettistischen Umsetzung gerne verklärten Stoffs bediente. 2003 brachte nämlich ein Tasmanier mit griechischen Wurzeln auf die Bühne: Constantine Koukias führte mit dem Textbuch von Marianne Fisher die großdimensionierte Oper Tesla – Lightning in his Hand im Theater von Hobart auf, der Hauptstadt seiner insularen Heimat.

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Constantine Koukias (Jg. 1965) ist Repräsentant tasmanischer und australischer Musik in Amsterdam (Tasdancearchive).

Koukias lebt seit längerem jedoch nicht im fernen australischen Archipel, sondern in Amsterdam. Der heutige Direktor der Kreativwerkstatt IHOS (auf Basis des griechischen Worts für „Ton“), die er 1990 in Amsterdam mitbegründete, studierte am Konservatorium von Sydney Komposition. Die Aufführungen von IHOS sind heute im wesentlichen operistischer Natur und ganz im Sinne australischer Musikausbildung multimediale Ereignisse, in denen Video und verfremdete Sprech- und Singstimmen in der Besetzung eine große Rolle spielen.

„Die Stadt“ Alexandria, in der Konstantinos Kavafis lebte, inspirierte diesen zum gleichnamigen Gedicht (Roland Unger, 31.8.2007, GNU Free Doc. Lic.) – und dessen Poem ‚Warten auf die Barbaren‘ Koukias zu seiner Oper.

Konstantinos Kavafis, Dichter der Wende zum 20. Jahrhundert und bekannt für sein Poem Die Stadt, war der geistige Urheber der Oper The Barbarians, die 2012 anlässlich des tasmanischen Festivals MONA FOMA zum ersten Mal und zwar auf neugriechisch mit paralleler englischer Rezitation erklang. Die Schauspielmusik Kimisis, zu deutsch „Einschlafen“, sorgte 2014 für Aufmerksamkeit. Im selben produktiven Jahr entstand weitere Kammermusik, so das vom Aufbruch zu einer Reise inspirierte Stück Leaving for New York City für Violine und Klavier und Three Episodes from the Diary of Signaller Ellis Silas, geschrieben für Bariton, Klavier, Violine und Trompete.

Das Tagebuch des Marinetrompeters Ellis Silas, der eigentlich ein bedeutender Maler war, faszinierte Constantine Koukias und inspirierte ihn zu einer Komposition (Native dance in Hanua, Ellis Silas 1922, State Library of New South Wales, Flickr’s The Commons).

Bevorzugte Inhalte von Constantine Koukias‘ teils avantgardistischen, teils folkloristisch-expressionistischen Werken sind, einerlei ob überwiegend vokal oder instrumental angelegt, Nischenthemen aus (modernem), gerne griechischem Lied, aus Poesie wie etwa das auf einem paradox erscheinenden Einzelfall beruhende The Case of the Colorblind Painter, das pfingstliche, von orthodoxer Hymnik inspirierte They shall speak with other tongues (2019) oder Bemerkenswertes aus anderen Weltregionen wie es etwa das Phänomen der religiös motivierten Schlangenhändler in den Appalachen im Süden der USA darstellt, das den Hintergrund des Trios They shall take up serpents (2020) bildet, gesetzt für den „Schlangen beschwörenden“ Klang der B-Klarinette, begleitet von Violoncello und Klavier.

EPIRUS – An Ancient Voice (Uraufführung 2016)

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.