Porträts brasilianischer Komponist/innen LXXIV

Folklore des Urwalds und seines Zentrums

Seine Begabung in der Orchestrierung, die sich besonders an seinem Tributo a Portinari studieren lässt, machte ihn bald auch zu einem ausgezeichneten Komponisten von dramaturgisch überzeugend eingesetzter Filmmusik: Für seine Soundtracks zu den in Brasilien gedrehten und dort allseits populären Kinoereignissen Terra È sempre Terra und O Canto do Mar wurde der ursprünglich als Violinist ausgebildete César Guerra-Peixe 1953 als bester lebender Filmmusikkomponist seines Landes ausgezeichnet.

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An der Praça Rio Branco in Recife: Die Folklore und ihre Rezeption in der brasilianischen Riesenmetropole des Nordens schrieb César Guerra-Peixe ein vielbeachtetes Buch (Wilfredor, 3.7.2020, CC-Liz.).

Der Titel eines von Rosa Nepomuceno 2001 veröffentlichten Buches charakterisiert seine Bedeutung für die brasilianische Kunstmusik des 20. Jahrhunderts nahezu gänzlich, abgesehen von einer Periode seines Lebens ab 1950, in der er nationale Töne anstimmte: „Musik ohne Grenzen“ meint nicht nur das Interesse an verschiedenen Musikkulturen der Welt, seien es Tänze der nordbrasilianischen Indigenen oder die volkstümliche Musik der osteuropäischen und spanischen Zigeuner, sondern auch Guerra-Peixes Flexibilität im Umgang mit vollkommen verschiedenen Stilen. Das Faible für Zigeunermusik erklärt sich zu einem guten Teil aus der Roma-Herkunft von einer Elternseite.

Vielversprechender Nachwuchs der brasilianischen Geiger: César Guerra-Peixe (1914 – 1993) am 10. Januar 1929 (John Mozart, 1964, CC-Liz.)

Längere Zeit beschäftigte sich Guerra-Peixe nach dem zusätzlichen Erlernen des Mandolin- und Klavierspiels mit und im Anschluss an sein Studium in Rio de Janeiro bei Hans-Joachim Koellreutter mit dem Studium der Zwölftontechnik, die er in individueller Weise in klingende Ware umsetzte, neben seinen Kolleginnen und Kollegen Eunice Katunda, Cláudio Santoro und Edino Krieger, mit denen er die Vereinigung Música viva bildete. Aus seiner Auseinandersetzung mit der Dodekaphonie ging als bekanntestes Werk eine Suite für Flöte und Klarinette hervor.

César Guerra-Peixe in seiner Phase als überwiegend dodekaphonisch schaffender Komponist („A Cigarra“, ano XXIV nº-126-1.9.1944, CC-Liz.)

Die spätere Auszeichnung des aus Petrópolis, einer 60 km nördlich von Rio de Janeiro gelegenen Stadt gebürtigen Musikers beruht zum anderen Teil auf seines Engagements für die brasilianische Folklore, auf deren Basis er nicht nur zwei Symphonien, symphonische Dichtungen, Suiten, ein Klavierkonzert, Kammermusik und Lieder schrieb, sondern zu deren Verbreitung er auch publizistisch mit Zeitschriftenartikeln und, nach seinem Umzug in den Norden des Landes, der größer angelegten Abhandlung über einheimische Tänze mit der Abhandlung Os Maracatus do Recife (1955) beitrug. Aus diesem Schwerpunkt seines späteren Schaffens resultierte schließlich die Leitung einer Akademie für brasilianische Folklore.

Symphonie Nr. 2 „Brasilia“
Literatur u.a.
Vasco Mariz: Historia da música no Brasil. 4. Auflage. Rio de Janeiro 1994.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.