Am Beispiel Europas und der Vereinigten Staaten

Friedensschlüsse in Musik

Momentan zeigt die weltweit angespannte Lage keine deutlichen Besserungszeichen auf, doch folgen auf Kriegszeiten meist Epochen des Friedens, wiederkehrende Auseinandersetzungen zwischen Nationen nicht ausgeschlossen. Der schlechten Beispiele, die auch bewusst im Sinne eigener Strategien genutzt werden, sind (mehr als) genug und so gab es auch von Seiten der Künste immer schon warnende, begleitende, miterleidende und erleichterte Stimmen, die schließlich den ersehnten Frieden feiern konnten.

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Thomas Selle (1599 – 1663) war insbesondere ein praktisch orientierter Organist und Chorleiter, der an den Hamburger Hauptkirchen tätig war und die gesamte Zeit des Dreißigjährigen Kriegs miterlebte (Dirk Diricks, 17. Jahrhundert, D p.d.).

Während der vordemokratischen Zeiten aristokratischer Herrschaft kam es häufiger vor, dass sich zur Proklamation eines Friedens eine Hochzeit gesellte, die die aktuell erreichten Herrschaftsverhältnisse festigen sollte. Im Vorfeld zu Verhandlungen über Waffenstillstand zwischen kriegführenden Parteien schrieben Musiker auch Klagelieder und entsprechende Chormusik, im Dreißigjährigen Krieg etwa Johann Werlin, der in Lindau einen Anti-Kriegsgesang komponierte oder Johann Hildebrand aus Eilenburg. In einem um dieselbe Zeit zur Tagespolitik verfassten Drama von Johann Rist, Das friedenwünschende Teutschland, findet sich ein Lied der Komponistin Sophie-Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Beiträge zum Westfälischen Friedensschluss 1648 lieferten an die 20 namhafte Komponist/innen, deren Stücke auf dieser CD veröffentlicht sind (cpo 1998, ASIN: B00004SPI8).

Den Westfälischen Frieden 1648 kommentierten nach einer langen Periode zerstörerischer Kriegshandlungen in ganz Europa mit ausladenden musikalischen Beiträgen sowohl Heinrich Schütz aus Dresden, der Hamburger Kantor und Musikdirektor Thomas Selle und Johann Erasmus Kindermann in Nürnberg. In einem größeren Projekt vereinte Manfred Cordes zusammen mit dem Ensemble Weser Renaissance die erhaltenen Festmusiken unter dem originalen Motto Friedens-Seufftzer und Jubel-Geschrey.

Militärische Marschmusik begleitete die Feldzüge einzelner Soldaten und Truppen der Nord- und Südstaaten zwischen 1861 und 1865. (Mark Records 2005, ASIN: ‎ B000BL02MO).

Mehr als nur ein Echo auf den um die Frage der Sklaverei geführten Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten der USA etwa ist ein erst mehr als zwanzig Jahre nach dem Kriegsende 1865 für Militärmusiker geschriebenes und aufgeführtes Stück mit dem Bezug auf eine konkrete Auseinandersetzung im Unabhängigkeitskrieg unter dem Titel The Battle of Shiloh von dem Musikverleger Charles Lloyd Barnhouse (1865 – 1929). Er war selbst über viele Jahre Leiter der Iowa Brigade Band; dementsprechend hoch war der Anteil von Militärmusik als solcher in seinem Repertoire.

Auch die Band Old Crow Medicine Show nahm sich des Songs ‚Marching Through Georgia‘ an (Ato Records 2013, ASIN:‎ B00EIGQKE2).

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass der Friedensschluss als solcher weniger durch Musik gefeiert wurde; vielmehr waren der Kriegszug und die mehr oder minder „heroische“ Selbstbehauptung der Soldaten beider Seiten bestimmend, sowohl zum Anlass als auch nach den Schlachten. Daraus gingen eigene Vokalgenres hervor, die vor der Ausrufung einer gemeinsamen Nationalhymne staatenweit eine wichtige Rolle spielten. Erst als sich das Ende des Bürgerkriegs abzeichnete, entstanden auch Songs, die die Hoffnung auf die kurz bevorstehende Friedenszeit reflektieren; eines der bekanntesten dieser Lieder ist Marching Through Georgia von Henry Clay Work.

Krzysztof Penderecki, der immer wieder mit seiner Musik auch an den zerstörerischen Zweiten Weltkrieg in Danzig (Adam Kumiszcza, 6.7.2008, CC-Liz.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 begann eine lange Konsolidierungsphase der europäischen Länder, die zu einem großen Teil von Pazifismus getragen war, man denke nur an Krzysztof Pendereckis Polnisches Requiem für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Chor und Orchester aus den Jahren 1980 bis 1984, das freilich mehr ein Gedenken an die Kriegsopfer darstellt. Dem Thema widmeten sich zahlreiche Komponisten bis heute.

Am 25. Oktober 2020 war anlässlich des immer wiederkehrenden Osnabrücker Friedenstages unter dem Titel Dona nobis pacem André Jolivets Messe pour le Jour de la Paix aus dem Jahr 1940 (!) gegeben. Es spiegelt die Friedenssehnsucht der Menschen schon ein Jahr nach Hitlers Überfall auf Polen; tragischerweise fiel sein Komponistenkollege und Landsmann Jehan Alain, dessen Orgelmusik zum Konzert gleichermaßen erklang, 29jährig selbst zwei Tage vor dem Waffenstillstand von Compiègne.

Diese Tafel erinnert in Paris an den Komponisten André Jolivet (1905 – 1974), der 1940 mit einer Messe den Frieden herbeiwünschte (30rKs56MaE, 26.3.2007, GNU Free Lic.).

Obwohl der Frieden tatsächlich nicht auf dem Papier zustande kam, blieb dieses Werk eine dauernde Mahnung an einen faktischen Friedensschluss, die in Europa immerhin zu einer gemeinsamen Währungs- und Wirtschaftsunion unter pazifistischen Vorzeichen und dem Bemühen um multilaterale Rüstungskontrolle führte.

Literatur u.a.

Dominik Höink (Hg.): Religiöse Friedensmusik von der Antike bis zur Gegenwart. Hildesheim 2021.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.