Aus der Studio.Box des Theaters Erfurt

Das Findelkind Novecento

Im Falle der aktuellen Erfurter Dramatisierung des Monologs Novecento von Alessandro Baricco für die Bühne wäre es wohl korrekter, von einem Schauspiel mit Puppe statt von einem Puppenspiel zu sprechen, auch wenn der durch die Puppe verkörperte Charakter natürlich im Mittelpunkt der fiktiven erinnerten Ereignisse steht. Diese wurde zur Premiere am 28. April brillant geleistet von Erzähler Tomas Mielentz, der ebenso wie die auftretenden Kathrin Blüchert und Heinrich Bennke eigentlich zum Ensemble des Theaters Waidspeicher gehört.

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Der Trompeter Tim Tooney (Dominik Lauterbach) und das ehemalige Schiffsfindelkind Novecento (hier dargestellt und musikalisch realisiert durch den Pianisten Roberto Secilla) spielen in Bariccos Geschichte jahrelang zusammen (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Es ist jedenfalls ein Wagnis, nach dem bekannten Kinostreifen Die Legende vom Ozeanpianisten aus dem Jahr 1999 diesen Stoff wiederum zu inszenieren, da die Gefahr der Sentimentalisierung mit Händen zu greifen ist. Um sich nicht von der melancholischen Grundstimmung mitreißen zu lassen, ist sicher die philosophische Reflexion über die Handlung angemessen.

Puppen- und Schauspieler gestalten die von der Dramaturgie ergänzten Dialoge (Lutz Edelhoff).

Den Schauspielern und Musikern sowohl des Theaters Waidspeicher als auch des Theaters Erfurt gelang diese Aufgabe, die den Wandel auf einem schmalen Grat bedeutete, ausnahmslos gut und dies, obwohl der Plot mit seiner absoluten Zentrierung auf die männliche Hauptfigur (und ihren Narzissmus) schon traditionelle paternalistische Züge aufweist. Im Ballett die Handlung ohne Prätention und barocke Schnörkelgestik zu realisieren bedarf dramaturgisch – bei aller choreografierten Emotionalität im Ausdruckstanz – allein schon der hohen Präsenz und Identifikationsfähigkeit der Mitwirkenden.

Alles dreht sich an Bord um das Kind, dessen Eltern unbekannt sind (Kenji Shinohe, Tabea Wittulsky, Maria Focaraccio, Heinrich Bennke und Kathrin Blüchert, Foto: Lutz Edelhoff,).

Ein Quentchen Resignation und Sentiment legte Tomas Mielentz als Sprecher durchaus in Rolle und Teichoskopie, doch diente diese Prise offensichtlich mehr dazu, dem Stück, in dem, abgesehen von einem großen Schiffsbullauge, auf effektheischende Draperie verzichtet wurde, das Kolorit der 1920er und frühen 1930er Jahre zu verleihen, in denen das Geschehen im wesentlichen situiert ist. Kein Zufall ist es, dass der Ozeandampfer Virginian, auf dem der „jungfräuliche“ Novecento, das einstige Findelkind, spielt, im von Hitler angezettelten Krieg als Lazarettschiff genutzt wird und schließlich ausgemustert in die Luft gejagt wird, während der Pianist, der das Schiff niemals verlassen hatte, am Ende als einziger von der alten Besatzung auf dem tödlichen Sprengstoff sitzen bleibt.

Die seltsame Erzählung vom Ozeanpianisten trägt in sich aporetische Züge, kann aber auch als Bericht über eine Merkwürdigkeit und ein singuläres Schicksal verstanden werden. (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt)

Tomas Mielentz erzählt, die Tänzerinnen und Tänzer, Kenji Shinohe, Tabea Wittulsky und Maria Focaraccio, stellen Personen auf dem Schiff dar, die durch den Monolog des Maschinisten in das Geschehen um das denkwürdige Kind hineingezogen werden (Theater Erfurt, Lutz Edelhoff).

Die Frage wäre zu stellen, ob das Kreuzfahrtschiff nicht Züge von Noahs Arche trägt, wobei dessen Fahrt allerdings unglücklich endet und der Bezugspunkt somit eine Negation der biblischen Rettungssage im Jahrhundert zweier Weltkriege darstellt. Ist es etwa legitim, eine Verbindung zur Corona-Krise herzustellen? Der Ozeanpianist verbringt sein Leben im Bauch eines Schiffes, das ihn wie der Wal den Jona verschluckt hat.

Das Eingeschlossensein in den eigenen vier Wänden war unsere Grunderfahrung der Lockdown-Monate und irgendwann mag so manche(n) der Mut verloren haben, „an Land zu gehen“ – wie Novecento. Dieser zog den Fuß von der letzten Stufe der Treppe zurück, die ihn in die Freiheit, aufs Land, hätte führen können, aber er zieht es vor, sich in die Beschränktheit der Selbstinspektion, verkörpert durch das Schiff, zurückzuziehen. Aber das ist nur eine der möglichen Konkretisierungen der Geschichte, die auf eine Menschheitsparabel ausgedehnt gelesen werden kann.

Rezitation vor dem Bullauge: Tim Tooney, Besatzungsmitglied der Virginian, berichtet über seinen besonderen Musikerfreund Novecento (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Unter der Regie von Ester Ambrosino, der Dramaturgie Susanne Koschigs und mit dem Bühnenbild von Mila van Daag gelang am Premiereabend jedenfalls eine weitgehend ballastarme und interpretativ weitgespannte Umsetzung dieser überaus „seltsamen Erzählung“.

Novecento: weitere Termine am 29.- 30.4., 3.-5.5., 7.5., 1.-2.6., 6.6.2022

Spielplan des Theaters Erfurt

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.