Zeitgenössische Musik im Mon ami Weimar

Ausflug in das Innere und nach China

Prinzipiell sollte ein Samstagabend im Mai für Outdoor-Konzerte unter den Bedingungen eines lauen Lüftchens stehen, doch mag manche(r) es vorgezogen haben, bei strengerem Wind einladende Innenräume aufzusuchen: In der Weimarer Schmiede für Neue Musik, dem Mon ami am Goetheplatz, wurde ein Brückenschlag zwischen dem europäischen und dem asiatischen Kontinent unternommen: Die westliche Avantgarde traf die unter ganz anderen Voraussetzungen entwickelte chinesische Kunstmusik.

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Charakteristisch chinesische Bläsermusik, sowohl kunstmusikalisch als auch folkloristisch, repräsentiert ein Instrument wie die Sheng (Seasonaldemand, 16.2012, CC-Liz.).

Im Mittelpunkt stand dabei die Sheng, eine im Reich der Mitte spätestens seit dem 6.  Jahrhundert bekannte Mundorgel mit bis zu 37 (!) senkrecht stehenden, kreisförmig angeordneten Pfeifen, die durch ein seitlich angeordnetes Mundstück, welches in die Windkammer führt, zum Tönen gebracht werden. Der sonor brummende bis schrille, in gewissen Lagen an einen Dudelsack erinnernde Klang war seit jeher geeignet, unter dem Vorzeichen des „He“, der fernöstlichen Vorstellung von Harmonie, sowohl Naturlaute nachzuahmen und „die Fusion zwischen Himmel und Selbst“ zum Ausdruck zu bringen als auch Gesang und religiösem Ritual zu dienen.

Einer der Höhepunkte des Konzertabends am 28. Mai 2022 im Mon ami, Weimar war wohl ‚He Ge‘ von Wen Ziyang mit Moritz Schneidewendt, Klarinette und Wu Wei, Sheng (Foto: H.-P. Mederer).

Das Stück He Ge des vierundzwanzigjährigen Pekinger Komponisten Wen Ziyang, Gewinner des Publikums- wie Jurypreises anlässlich des Preisträgerkonzerts an diesem Samstagabend, führte die verschiedenen Facetten des Shengsounds im Rundumschlag vor: die diversen Möglichkeiten, Luft aus-, ver- und einströmen zu lassen, röhrende und spitze Töne zu erzeugen, das Schlagen der Klappen als Rhythmus- und Melodieinstrument. Leider konnte der Komponist nicht selbst anwesend sein, wurde aber, um die Ehrung zu empfangen, durch einen befreundeten, in Weimar lebenden Landsmanns vertreten.

Eines der neuesten Alben der polnischen Formation Hashtag Ensemble ist ‚Visegard Songs‘ (Sonic Records 2018, ASIN: B0144FS9EA).

Den Anfang des Abends machte das in Warschau beheimatete Hashtag Ensemble in Verbindung mit dem ensemble via nova. Der polnischen Profiformation ist nicht zuletzt an musikalischer Bildung gelegen, aber auch darum, die Grenzen zwischen medialen Repräsentationen, zwischen traditioneller Instrumentalmusik und elektronischem Klang, aufzuheben im Sinne eines jeweils gewählten, in der Regel außermusikalischen Themas. Die inhaltlichen Anlässe für die aufgeführten Werke sind dabei vielfältig: Nina Fukuokas 5 Secrets to Making New Music für die Besetzung mit Saxophon, Flöte, Violine, Synthesizer und Offline-Zuspiel zielen auf die von atemberaubend schnell wechselnden Impressionen aus dem Alltag – auch beim Gang einer Protagonistin durch den Metro-Untergrund – und dem Weltgeschehen, vorgeführt in simultan zum Konzertieren ablaufenden Videosequenzen, wozu der Kino- und Theaterraum des Mon ami das perfekte Forum bildet.

Das Hashtag Ensemble anlässlich des 22. Weimarer Frühjahrsfests 2022 (Konzert am 28.5.2022, 19 Uhr, Mon ami)

Inner von Aleksandra Kaca, eine audiovisuelle Performance, bei der die Flötistin Ania Karpowicz, begleitet von zuspielender Elektronik, im Vordergrund saß und agierte, pfeifend, tremolierend, hauchend, unternimmt eine wahre Fahrt in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Protagonistin, deren Erscheinung am Ende fragmentarisch im stream of consciousness gepixelt wird. A ‚The‘ von Mohammad A. Javaheri arbeitete in suitenartiger Folge kleiner Partien die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des unkonventionell zusammengesetzten Ensembles unter der Leitung seiner Dirigentin Liliana Krych ab. Marta Śniadys Your only limit is you, aufgeführt von zwei Musikern, dem Saxophonisten Woyjciech Psiuk und dem Kontrabassisten Mateusz Loska, und begleitet von Video, tastet klanglich die Oberflächenbeschaffenheit von anorganischen Stoffen, Sinnbild in zweiter Linie für die menschliche Haut, ab, die hier als Metapher für die maximal zu erreichende (physische) Grenze des Menschen stehen mag.

Marco Longos Komposition ICY, bei der Vorstellungen vom eis des Südpols wach werden, spielt sich zu einem guten Teil auf dichten Clustern im Bereich hoher Töne ab. (Zeitgenössische Musik in Thüringen e.V., Programmheft Mai 2022).

Der amerikanische Komponist Matthew Shlomowitz konnte an diesem Abend seinem eigenen dreisätzigen Explorations in Polytonality and Other Musical Wonders persönlich beiwohnen, dessen kreative Ausdrucksformen von Pittoresk über Mystischen Vielklang bis zur 12 bar Blues with Mario Cadence reichen. In letzterer erklingen auch für eine weniger erfahrene Hörerschaft leichter erkennbare Sequenzen aus traditionellem Blues und gehobener Wiener Kaffeehausmusik an. Die Melange wird allerdings deutlich eingerahmt vom originellen Personalstil seines Urhebers.

Solopartien für den facettenreich spielenden Klarinettisten Moritz Schneidewendt vom ensemble via nova mit Spread for Clarinet von Henry Mex und dem Rondo Concertante seines zum Preisträgerkonzert anwesenden Schöpfers Helmut Zapf für die technisch gleichermaßen überragend agierende Akkordeonistin Maria Löschner demonstrierten die große Kunstfertigkeit der beiden Musiker.

Dem Lauf der Isar unter anderem in Wolfratshausen und den Isarauen folgt Alexander Strauch (geb. 1971) mit seiner Sheng-Solo-Komposition in vier Stationen (Thorsten Thane, Isarauen bei Wolfratshausen, 18.8.2017, CC-Liz.).

Außer den Komponisten Jakob Böttcher mit Die Variation tritt als solche überhaupt nicht mehr in Erscheinung für ein Ensemble aus Shengbläser, Klarinettisten und Akkordeonistin  sowie Marco Longo mit seinem eigenwilligen Trio ICY in derselben Besetzung war der Münchener Komponist und Dirigent Alexander Strauch selbst anwesend: Sein Werk ISAR – Vier Flussabschnitte für Sheng Solo, das in seiner Anordnung an Smetanas Moldau erinnert, wurde als Uraufführung wiederum vom chinesischen Musiker Wu Wei bestritten. Im ersten Satz Von der Quelle bis Mittenwald spielt das repetierte Vogelrufintervall aus Beethovens 6. Symphonie eine gewisse Rolle, folkloristische Melodik scheint, wenn auch im leicht versteckten Zitat, in Isartal, München, Isarauen, durch. Zu guter Letzt verlässt der Spieler beim Verrinnen der Isar in die breit strömende Donau den Saal … und erntet zusammen mit dem Komponisten verdienten Applaus.

Der Dank gilt Udo Kesten, Erfurt, für seine Initiative zu diesem Konzertbesuch.

Zeitgenössische Musik in Thüringen e.V.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.