Ukrainische Komponist/innen V

Im Blick: Karpatische Folklore nach europäischer Symphonik

Auf den Zusammenschluss der Ukraine mit Transkarpatien hin wurde die Folklore desselben Landesteils „neu“ entdeckt. In jene Jahre nach 1945 fällt ein Abschnitt im Schaffen von Boris Ljatoshynskyj, der slawische Themen auch aus der karpatischen Region aufgriff und verarbeitete. Sein Einfluss war ebenso weitreichend wie etwa derjenige Sculthorpes auf die Entwicklung der australischen Musik. Aus seiner Schule gingen unter anderen die Komponisten Vladimir Huba, Walentyn Silvestrow und Vitalyj Hodziac’ky hervor.

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Reinhold Glier, später Glière (1875 – 1956) war Ljatoshynskyjs Dozent am Konservatorium von Kiew (Porträt vor 1917, UKR p.d.).

Zur Zeit seines Aufwachsens war seine Geburtsstadt Schytomyr die Hauptstadt des damals zum russischen Kaiserreich zählenden Regierungsbezirks Wolhynien.

Der musikalische Ehrgeiz in der Lehrerfamilie sorgte dafür, dass Boris Mykolajowytsch Ljatoshynskyj sowohl ausgiebig Klavier- als auch Violinunterricht genoss. Ebenso verlief sein Studium, denn neben Jura studierte er in Kiew Komposition bei Reinhold Glière, mit dem ihn eine langdauernde Freundschaft verband, die dazu führte, dass er nach dem Tod seines Lehrers dessen unfertiges Konzert für Violine und Orchester op. 100 beendete.

Panoramablick über die ukrainischen Karpaten, deren Volkslieder Ljatoshynskyj seit 1940 beschäftigten (Viktar Palstsiuk, 13.8.2018, CC-Liz.)

Parallel zu einem Engagement am Moskauer Konservatorium ab 1940 war er bereits seit 1935 Professor für Komposition am Konservatorium zu Kiew, wo er seine später selbst international renommierte Schülerschaft ausbildete und selbst stark der romantischen Tradition Borodins und Tschaikowskys zuneigte. Zu dieser Zeit richtete er sich nach einer Phase der Rezeption atonaler Werke westeuropäischen Ursprungs wieder nach harmonisch konventionellerer Satztechnik aus und adaptierte karpatische ukrainische Volksliedmelodien.

Boris Ljatoshynskyj (1894 – 1968) um 1920, als ihn neben der Musik der russischen Romantik auch Schönberg und die Atonalität zu interessieren begannen (Porträt um 1920, UKR p.d.).

Alexander Skrjabins „expressionistische“ Schreibweise hatte ihn jedoch nachhaltig beeinflusst und so fiel bei der sowjetischen Führung seine 1. Symphonie (1935/36) in Ungnade ebenso wie deren Kulturdiktat später Dmitri Schostakowitschs 4. Symphonie diskreditierte. Nicht zuletzt war es wohl Ljatoshinskyjs Versiertheit in verschiedenen Tonsprachen, die dem ebenso als Dozent wie als Komponisten engagierten Hochschullehrer inner- und außerhalb der Ukraine über mehrere Dekaden zu großer Bekanntheit verhalf. Auf dem Gebiet der Orchesterballade wurde er mit Grazhyna (1955), zum Gedenken an den polnischen romantisch-revolutionären Dichter Adam Mickiewicz populär. Seine Wiederentdeckung in den mittel- und westeuropäischen Ländern wurde nun durch eine Edition seines aus den genannten Gründen nahezu „chamäleontisch“ vielfältigen symphonischen Schaffens, das im Zyklus seiner Werke einen prominenten Platz einnimmt, auch breiten Hörerkreisen (hierzulande) möglich gemacht.

Die jetzt bei Naxos erschienene Edition aller 5 Symphonien von Boris Lyatoshynskyj ist in erster Linie das Verdienst des bedeutenden Gegenwartsdirigenten Theodore Kuchar in Verbindung mit dem Staatsorchester der Ukraine (ASIN: B09YNF5MR1, 2022).

Symphonie Nr. 3
b-Moll „Frieden wird den Krieg erobern“ (1951; überarbeitet 1954/55)

Übersicht über Ljatoshinskyjs Werk

Literatur u.a.

Elena Zynkevych: Lyatoshynski and Kyiv school. In: Ukrainische Musik. 2013. S. 37 – 44.

Marianna D. Kopica: Die neuen quellenkundlichen Studien in der Ukraine im Spiegel des epistolaren Erbes von Reinhold Glier und Boris Lyatoschinski. In: Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa. Bd. 10. 2005. S. 79 – 84.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.