Das Fauré Quartett auf dem Kissinger Sommer am 19. Juni 2022

Dramatisch, lyrisch, immer spannend

Spartenübergreifendes Engagement von Ensembles kann auch dann von Relevanz sein, wenn die Sphären überwiegend getrennt bleiben. Mit seiner Einspielung von Popsongs mit Violine, Viola, Cello und Klavier vor mehr als einer Dekade hat das internationalen Ruf genießende Fauré Quartett, das am Sonntag das Festival Kissinger Sommer bereicherte, einen neuen Weg beschritten, auch wenn Projekte wie diese schon länger zum Aktivitätsspektrum der vier Ausnahmekünstler gehörten.

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In elegantem italienischem Badstil präsentiert sich das Kissinger Kurareal als Außenkulisse des diesjährigen Musikfestivals (Agnieszka Mederer).

Nicht zuletzt war eine Begegnung mit populären Formaten durch eine gewisse Analogie in der Besetzung möglich, denn traditionelle Rock’n’Roll-Bands haben sich ebenso häufig als Quartett oder Quintett zusammengefunden und ein Klavier lässt sich als Pendant zum rhythmusgebenden Schlagzeug einsetzen, gleichermaßen der Cellobogen als Drumstick auf Saiten und Korpus verwenden.

So arbeitete das Quartett mit dem opernaffinen kanadisch-amerikanischen Popsänger Rufus Wainwright ebenso zusammen wie mit dem Cross-over-Komponisten und Regisseur Sven Helbig, der für die vier als Musikproduzent tätig wurde. Sie spielten, was für eine Kammermusikformation höchst ungewöhnlich scheint, in diversen Clubs, etwa im legendären Frankfurter Cocoon Club, der Berliner Techno-Schmiede Berghain oder transatlantisch erweitert auf der New Yorker Multimedia-Musikbühne Le Poisson Rouge. Mittlerweile sind alle Mitglieder des Fauré Quartetts, Erika Geldsetzer (Violine), Sascha Frömbling (Viola), Konstantin Heidrich (Violoncello) und Dirk Mommertz (Klavier) selbst Dozenten an den namhaftesten Musikhochschulen der Republik, in München wie Berlin.

Sein nicht übermäßig großes Quaderformat wie die kuppelförmig im Empire-Stil gebaute Musikbühne machen diesen Konzertsaal zum idealen Aufführungsort für Kammermusik: der Bad Kissinger Rossini-Saal (Agnieszka Mederer).

Die Luft im Kissinger Rossini-Saal schwirrt und knistert förmlich von frühlinghaften bis sommerlichen Instrumentenklangfarben, als der erste Satz von Beethovens Quartett Nr. 1 Es-Dur das Publikum mitreißt, Dramatik eingeschlossen.  Fein timbriert klingen die Kadenzen der langsamen Variationsteile der Thema-Collage aus. Die mit fünfzehn unter der Obhut seines Bonner Lehrers Neefe im Sinne von Übungsstücken verfassten drei Quartette nahm Beethoven, gerade einmal zweiundzwanzig Jahre alt, als Autographen im Reisekoffer nach Wien mit, denn zum Druck waren sie bis dahin nicht vorgesehen gewesen. Alle drei Sätze vermitteln bereits den Willen zur Loslösung von den engen Schemata der frühklassischen Sattelzeit. Sie zeugen bereits vom Experimentieren mit Motiven und Satztechnik.

Suks Widmung an die Braut, „Drahé miss Otilce Dvořákové“ (1894, CZ p.d.)

Mehr als hundert Jahre später bemühte sich ein angehender tschechischer Musiker um die Gunst seines Violinlehrers und späteren Schwiegervaters Antonín Dvořák: Josef Suk, der aus der Gemeinde Křečovice bei Prag kam, bahnte sich ebenso energisch wie zuvor Beethoven seinen Weg von Lied, Klaviersonate und Kammermusik bis hin zu größeren symphonischen Werken wie etwa seiner symphonischen Dichtung Ein Sommermärchen (1907-09). Komponiert wurde das op. 1 zu einer Zeit, als sich das Klavierquartett von seiner Heimat im „Salon“ gelöst hatte und sich zum groß angelegten individualistisch geprägten Einzelwerk entwickelte. Die spätromantischen Züge des ersten Satzes Allegro appassionato werden durchbrochen von leidenschaftlichen Ausbrüchen mit folkloristischen Anklängen, in denen sich bereits expressionistisch gefärbte dissonante Konsonanzen ausbreiten. Das Adagio hingegen ist ganz lyrischer Natur und rhythmisch markant gestaltet. Zitate oder stilistische Anspielungen auf den Personalstil des Vorbilds Dvořák finden sich im dritten Satz, einem bewegten Allegro con fuoco.

Beim Label Berlin Classics erschien das letztjährige Album mit den Quartetten Faurés höchstselbst (ASIN: B08DSS3FNM, 2021).

Brahms‘ Quartett Nr. 1 g-Moll entstand 1861 am Angang seines ersten Engagements in Wien. Er selbst übernahm den Klavierpart, in dem er sich mit einer nicht gerade zu fällig eingesetzten virtuosen Kadenz seinem neuen Publikum als Solist empfehlen konnte, zur Kissinger Matinée von Dirk Mommertz in entsprechend genialischer Form nachempfunden. Dass Brahms nach dem Konzert als „Erbe Beethovens“ apostrophiert wurde, sollte ihm als schweres Erbstück noch nachhängen …

Das Fauré Quartett arbeitete feinsinnig die Nuancen heraus, als würde es über der perfekten technischen Ausführung als Basso continuo nur noch philosophisch reflektieren, um interpretatorische Feinheiten im mehrfachen Dialog neu zu verhandeln. Wie selbstverständlich stimmen sich Erika Geldsetzers langgezogenen Violintöne, sei es im Legato oder tremolierend, und Sascha Frömblings Violaspiel aufeinander ein. Alle Teile eines Satzes werden spannungsvoll vorbereitet.

Das Fauré-Quartett nach dem dritten Satz von Beethovens op. WoO 36/1 im Beifallsgewitter (A. Mederer)

Eine Batterie von Takten zu Beginn des ersten Satzes Allegro wurde in auffälligem fortissimo musiziert und ließ Assoziationen an ein lautes Popkonzert durchaus aufkommen. Die Vielschichtigkeit des Schlusssatzes Rondo alla Zingarese legten die vier Musiker so transparent wie möglich offen. Dem großen Applaus nachgebend wurde dem in sich schon stimmigen Programm als knappes, aber effektvolles Ständchen eines der drei Lieder Notre amour aus der Werkstatt des Namensgebers des Quartetts, Gabriel Fauré, beigefügt.

Fauré Quartett – offizielle Website

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.