Musikwissen aktuell in Zeitschriften

Perspektiven, Erweiterungen und Neuigkeiten

Dass, wie Frédéric Döhl in der neuesten Ausgabe des beim Steiner Verlag erscheinenden Archivs für Musikwissenschaft feststellt, Musikgeschichtsschreibung im Internet nur prekär verfügbar ist, ist auf jeden Fall bedauerlich: Denn dadurch fehlt ein lebendiges Diskussionsforum in dieser Teildisziplin über wissenschaftliche Blogs hinweg im Sinne eines allzeit verfügbaren aktiven Netzwerks. Weitet sich der Blick auf Musikinformationen im Ganzen, besteht allerdings das erstaunliche (?) Faktum weiter, dass diese sehr viel häufiger frei von Fakes und Fälschungen sind als andere Fachgebiete im World Wide Web.

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Eine bedeutende musikhistorische Zeitschrift seit 19 ist ‚Archiv für Musikwissenschaft‘ (ISSN 0003-9292, Franz Steiner Verlag).

Zum einen liegt es wohl an den relativ ideologiefreien Voraussetzungen innerhalb des großen Spektrums von Instrumentalmusik, die besonders diese weniger anfällig für politisch motivierte Manipulation machen, andererseits am Grad der Abstraktheit und Vieldeutigkeit des Gegenstands selbst. Dass persönliche politische wie ideologische Tendenzen auch darin verschlüsselt vorkommen (können), ist natürlich vielfach belegt, relativiert die Feststellung aber nicht grundsätzlich. Dennoch: Musikinformation im Internet ist bislang prinzipiell von einem vergleichsweise hohen Grad der Objektivität geprägt. Perspektivwechsel und Überprüfung sind wie bei jeglichen publizierten Netzinformationen freilich auch hier jederzeit erforderlich.

Spielte am 16. Mai 2009 im Londoner Roundhouse: Hildur Guðnadóttir (Andy Newcombe, Flickr CC-Liz.).

Der Entstehung eines Jugendbildnisses Felix Mendelssohn-Bartholdys, ausgeführt von Francisco de Goya, widmet sich ebenso in der Ausgabe des Archivs für Musikwissenschaft 2022 ein Aufsatz von Paul Ridder, der hiermit weiteres Licht in die biographische Mendelssohn-Forschung bringt und diese um einige Details ergänzt. Im selben Heft geht Saskia Jaszoltowski dem Diskurs des Posthumanen, thematisiert durch Musik in zwei von der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir mitgestalteten Filmen nach, die in Cubase schreibt und experimentiert.

Er gilt als wichtiger Opernkomponist des Frühbarock: Luigi Rossi (1597 – 1653); sein Werkschaffen und seine Zeit erhellen zwei neu aufgefundene Briefe, die Nastasia Heckendorff kürzlich ausgewertet hat (ignote, I, US p.d.).

Angesichts der Bedrohlichkeit von havarierten Atomkraftwerken und von gesichtslosen Atomwaffen wurde der Beitrag Sprachlosigkeit und Trauma in Toshio Hosokawas Voiceless Voice in Hiroshima in der Zeitschrift Die Musikforschung 2/2022 durchaus mit aktuellem Bezug abgedruckt. Simon Tönies ergründet ebenso in dieser Ausgabe unter dem Motto Wagners Mythos die Möglichkeiten einer ideologischkritischen Analyse von dessen Werk, wobei eine simple Rückprojektion aus der späteren propagandistischen Nutzung von Text und Klangästhetik ausgeschlossen wird. Nastasia Heckendorff setzt im Heft zwei neu entdeckte Briefe von Luigi Rossi, so der Untertitel ihres Aufsatzes, in den Kontext der faszinierenden, zum großen Teil Forschungsdesiderate bereithaltenden frühbarocken Entstehungszeit und liefert damit einen weiteren Baustein zu deren auch in musikwissenschaftlicher Hinsicht immer noch geheimnisvollen Mosaik.

Autograph von Mozarts knappem, aber den Zusammenhang von Thema und Klanggestalt auslotenden Lied KV 520, das am 26. Mai 1787 niedergeschrieben wurde (Christie’s, A p.d.).

Briefe werden hingegen selbst thematisiert in einem selten zu hörenden Lied mit Klavierbegleitung vom Schreibpult Mozarts, Köchel-Verzeichnis 520 Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte. Die Klage der Sopran- oder Altstimme bildet mit ihren chromatischen Digressionen bei gleichzeitig relativ schlichten Accompagnements eine stimmige, jenseits von Zeitstilen liegende Inhalt-Klang-Korrespondenz und weist auf Schumann, wenn nicht gar Hugo Wolf voraus. Markus Neuwirth geht Satzbau und Semantik dieser Komposition in der zweiten diesjährigen Lieferung von Musik & Ästhetik nach. Ebenso der Zeit der so genannten Wiener Klassik gilt Peter Gülkes Beitrag zu Beethovens Streichquartett Cavatina opus 130/V aus dem Jahr 1824. Matthias Schlothfeld geht, ausgehend von dessen Stück Dark Matter (2011) für Oboe, Klarinette und Fagott Ästhetik und Werk des Fuldaer Musiktheorie-Dozenten und Komponisten Michael Quell, Jahrgang 1960, nach.

Die Zeitschrift ‚Die Musikforschung‘ erscheint vierteljährlich beim Bärenreiter Verlag (ISSN 0027-4801).

Gehen die publikumsorientierten Periodika wie Fono Forum und Crescendo mehr den Konzerttourneen der populärsten Künstler und deren ästhetischer Haltung wie Einstellung zu Techniken und Zeitgeschehen nach, kaprizieren sich die angeführten wissenschaftlichen Zeitschriften in erster Linie auf unaufgearbeitete musikhistorische, eher „materialorientierte“, daneben Rezeption beleuchtende Fragen ohne generelle Tendenz, solange nicht ein besonderes Themenheft zur Publikation ansteht. Bei den genannten spielt die (vergleichende) Werkanalyse – dem Gegenstand Musik am weitesten entgegenkommend – als Basis neben der ästhetischen Ausrichtung seines Urhebers immer noch die größte Rolle, ganz im Sinn empirischen Vorgehens und induktiver Methodik, die durch Hypothesen aufgrund tiefgehender Einsichten unterstützt wird, um zu einem Gesamteindruck des gewählten Gegenstands und zu validen Ergebnissen zu verhelfen. Aktualität hinsichtlich außermusikalischer Themen wird hingegen (bei unserer Auswahl vom Beitrag über Hosokawa abgesehen) selten angestrebt, denn sonst stünde etwa ukrainische Musik, die auf den Konzertkalendern im Aufholprozess ist, mehr im Vordergrund.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.