Ukrainische Komponist/innen VI

Aus romantischer Schule

Viele Kulturschaffende nicht nur in Europa betrachteten es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als ihre ebenso persönliche wie gemeinnützige Aufgabe, einheimische Folklore systematisch zu erforschen, zu sammeln und, wo möglich, aufzuführen. Unter ihnen befand sich, wenn es um die populäre Lied- und Instrumentalmusik der Ukraine ging, auch der aus einem Ort nahe Krementschuk am Dnjepr gebürtige spätere Pianist und Dirigent Mykola Lyssenko. Seine Bemühungen um die Sicherung heimatlicher Tonkunst rückten seine eigene Berufung zum Ethnographen lange deutlich in den Vordergrund.

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Als einer der großen nationalromantisch ausgerichteten Repräsentanten der ukrainischen Musik gilt Mikola Wassiljowitsch Lyssenko (1842 – 1912). Das Fotoporträt, das ihn als 27jährigen zeigt, stammt vom Ende seiner Leipziger Studienzeit (1869, UKR p.d.).

Obwohl Lyssenko, Spross einer aristokratischen Familie, zunächst in Charkiw Biologie studierte, nahm der Drang, seine musikalischen Kenntnisse professionell zu erweitern, zu. Da er ein Stipendium der russischen Musikgesellschaft erhielt, konnte er am Leipziger Konservatorium bei Carl Reinecke und anderen namhaften Dozenten studieren. Sein Weg führte ihn 1869 nach St. Petersburg zu Nicolaj Rimski-Korsakow, bei dem er sich in Komposition ausbilden ließ, doch erfuhr er für seine Bemühungen um die ukrainische Folklore keineswegs Zuspruch und war mancher Repression ausgesetzt. 1904 gründete er seine eigene, das ukrainische Volksliedgut betonende Schule in Kiew. Er suchte in seinen Forschungen die Unterschiede zwischen ukrainischer und russischer Volksmusik offenzulegen.

Das Museum in der Kiewer Saksanskogo-Straße gilt als offizielle Gedenkstätte für Mikola Lyssenko (Xsandriel, 18.8.2012, CC-Liz.).

In Lyssenkos Werk dominiert als große Gattung die Oper: Er schuf für die Musikbühne neun Werke, unter anderem Natalka-Poltavka, mit der er einer Überlieferung im Oblast seiner Abstammung, Poltava, Rechnung trug. Zudem komponierte er drei Kinderopern nach Libretti der ukrainischen Dichterin und Schriftstellerin Ljudmyla Wassylewska-Beresina, die sich nach der vom Dnjepr durchflossenen Herkunftsregion Dniprowa Tschajka nannte und vor allem Kurzgeschichten und Lyrik verfasste.

Vor der Kiewer Oper thront die Statue Mikola Lyssenkos, um an diesen großen Forscher und Komponisten der Ukraine zu erinnern (Gama KVITKA, 9.8.2009, CC-Liz.).

Vielleicht war Lyssenkos Aufenthalt als Studierender im deutschen Sprachgebiet dafür verantwortlich, dass er Heinrich Heine zuneigte und daher neben zahlreichen ukrainischen auch dessen Gedichte und Lieder vertonte. Während seiner Schaffenszeit trug er umfänglich zum Orchesterrepertoire, zur Kammer- und Klaviermusik seiner Heimat bei. Aus Lyssenkos Familie gingen in zweiter und dritter Generation unter anderem Pianistinnen, ein Dirigent und ein Musikwissenschaftler hervor.

Lyssenkos Muse? Die namhafte Dichterin Dniprowa Tschajka aus Karliwka (1861 – 1927) lieferte Lyssenko drei Libretti (H., 1927, UKR p.d.).

Seine Leistungen als Musikwissenschaftler liegen vor allem in der Sammlung von Zeugnissen der ukrainischen Wandermusikanten Ostap Weressai, Pawlo Bratytsia und Opanas Slastion. Er widmete sich in zwei größeren Publikationen der heimatlichen Popularmusik: in einer instrumentenkundlichen Veröffentlichung aus dem Jahr 1909 und in einem auf das Liedgut bezogenen Fachbuch.

Mykola Lyssenko:

Streichquartett in d-Moll
Gavotte auf ein ukrainisches Volksliedthema
Zweite ukrainische Rhapsodie (1877)
Barcarolle

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.