Ukrainische Komponist/inn/en VIII

Revolutionäre (nicht) gefragt?

Entgegen anachronistischen Anmutungen der derzeitigen russischen Politelite extistierte eine eigenständige ukrainische Kultur seit mehreren tausend Jahren, angefangen bei der prähistorischen Webergesellschaft in der heutigen Landesmitte. Ebenso wie eine Generation vor ihm Mykola Lysenko pflegte der aus Urasowo im Bezirk von Woronesch gebürtige spätere Musikkritiker, Musikwissenschaftler, Dozent und Komponist Walentyn Kostenko durchaus romantische Vorstellungen von einem freien und selbstständigen Staat, die ihn schließlich sogar an der Vereinigung der revolutionären Komponisten der Ukraine teilhaben ließ.

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Zu Ehren des ukrainischen Schriftstellers Taras Schewtschenko wurde dessen Drama ‚Nazar Stodolia‘ mit der Musik von Walentyn Kostenko 2014 in Lviv aufgeführt (Yosyp Marukhniak, 10.2.2014, Kiew).

Dieses Engagement und sein Einsatz, als er bereits Professor für Musik und Theater in Charkiw war und als Direktor des ukrainischen Rundfunks fungierte, wurde ihm nach den Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis: Er wurde von einem sowjetischen Gericht zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt und wurde danach, als er wieder in Charkiw lebte, rehabilitiert, lebte allerdings nur noch bis 1960.

Charkiw, spätere langzeitige Wirkungsstätte des Komponisten Walentyn Kostenko, auf einer Fotopostkarte um 1900 (Library of Congress, US/Ukr. p.d.)

Sein Werk ist ganz im Kontext der zeitgenössischen europäischen Musik und ihren vielen Strömungen in den Jahren zwischen 1920 und 1945 entstanden und spiegelt diese in mancher Hinsicht. Moderne und ein noch spätromantischer Expressionismus prägten Kostenkos Schreibweise.

Unter den Bühnenwerken ragt besonders die Oper Karmaljuk hervor, das einem ukrainischen Nationalhelden gewidmet war, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Herrschaft der grundbesitzenden reichen Bauern rebellierte, indem er sie überfiel und geraubte Besitztümer an die arme Landbevölkerung verteilte.

Walentyn Kostenko (1895 – 1960) Yosyp Marukhniak

Auch die Opern Die Karpaten und Nazar Stodolia (1953) nach einer Vorlage von dem bedeutendsten ukrainischen Lyriker Taras Schewtschenko (1814 – 1861), dem „Goethe der Ukraine“, gefielen dem Publikum damals. Ballett, Suite und Symphonie waren weitere Genres, die er bediente und die weithin Aufmerksamkeit erregten.

Walentyn Kostenko, der nicht mit Lina Kostenko, der wohl bedeutendsten ukrainischen Dichterin des 20. und 21, Jahrhunderts verwandt ist, komponierte ebenso Instrumentalmusik für Kammerensembles, so etwa sechs Streichquartette und Stücke für Violine und Klavier, darüber hinaus auch Chorstücke und Filmmusik.

Einspielung der Oper Nazar Stodolia

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.