Die 1989 geborene isländische Komponistin und Kontrabassistin Bára Gisladottír trat bereits mit fünf größeren Aufnahmen eigener Werke hervor, nun folgt eine Aufnahme ihres Examenswerks mit „aus vollem Rohr“ spielenden neun Flöten, drei Perkussionisten, Bassgitarre und Kontrabass, uraufgeführt im Februar 2020 in der für voluminöse Klangereignisse (wie) geschaffenen Grundtvig-Kirche von Kopenhagen.

Liegt nun als Datei in verschiedenen Formaten bei dacapo Records vor: VÌDDIR von Bára Gisladottír (Barcode 8.226643, Oktober 2022)

Dieses über sechzig Minuten dauernde dezidiert dem 21. Jahrhundert eingeschriebene Kunstwerk VÍDDIR ist alles andere als ein munterer Wochenendspaziergang für die Ohren, vielmehr die Live-Aufnahme eines flirrenden und abgründig dunklen Werks in der Hallgrímskirkja von Reykjavík anlässlich der Dark Music Days vom 1. bis 12. März 2022. Beim dänischen Label Dacapo erschien erst vor zwei Jahren HĪBER, ein Zyklus, der mit dem Konzept eines langdauernden Winters spielt und in seinen acht Sektionen verschiedene Verfasstheiten spiegelt: die Reflexion des Ich, ein (persönliches) Beben, Ablehnung des Lebens nach dem Tod, eingekehrte Handflächen zum Zeichen des Selbstschutzes, Organismus mit zwei Herzen, ein Dazwischen, etwas Lastendes, geballte Fäuste, die Freiheit versinnbildlichen … Beschwörend, eindringlich, unabhängig von musikalischen Systemen, das sind vielleicht zwei Eigenschaften, die Gisladottírs Kompositionsweise beschreiben könnten.

Sarah Willis‘ erfrischende Arrangements ‚Mozart y Mambo‘ Teil 2 mit dem Havana Lyzeum Orchestra erschienen vor kurzem beim Label Alpha (Note 1) (ASIN: ‎ B0B6KPMDSF).

Auf ihrem zweiten Album unter dem Motto Mozart y Mambo kombiniert die amerikanisch-britische Hornistin Sarah Willis wiederum die Musik der Frühklassik mit kubanischen Tänzen. Die aus dem US-Bundesstaat Maryland stammende Musikerin spielte lange bei den Berliner Philharmonikern, aber ihr Interesse galt fortwährend kubanischen Tänzen. So entstanden bislang zwei CDs mit einer Mischung aus Mozarts vier bravourösen, entspannt-heiteren Hornkonzerten im rhythmischen Gewand von Salsa und Son. Es handelt sich hier nicht um eine Gegenüberstellung, um auf denkbare Verwandtschaften zu verweisen, sondern um echte „Anverwandlungen“. Ergebnis ist unter anderem ein von Sarah Willis durcharrangiertes Kubanisches Hornkonzert, das die sechs Regionen Kubas in ihren besonderen Tänzen und Tanzstilen abbilden soll.

Das Frauenorchester von San Francisco spielte für die in diesem Jahr erschienene CD mit Orchesterwerken von Florence Price eine charakteristische Auswahl aus ihrem Gesamtwerk ein, die letztlich auch den interkulturellem Dialog in der Musik der Gershwin-Zeit abbildet (ASIN-: B09XQST37B, Alto Distribution 2022).

Die taiwanesische Dirigentin Apo Hsu nahm zusammen mit der San Francisco Women’s Philharmonic drei wichtige Orchesterwerke Florence Beatrice Price‚ auf. Mississippi River, The Oak und die 3. Symphonie. Die drei Werke entstanden zwischen 1934 und 1940, wurden aber, vielleicht auch angesichts der schieren Dominanz des männlichen Broadway, insbesondere George Gershwins, über Dezennien vernachlässigt, auch wenn sie einen Meilenstein des „integriert“ afroamerikanischen Repertoires in den Vereinigten Staaten des 20. Jahrhundert darstellen.

Concerti Klassik Rezensionen

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.