Bei jeglicher musikalischer Aufführung geht die Art des Vortrags mit der für die einzelnen Abschnitte gewählten oder passenden Dynamik einher. Der Modus verdeutlicht die Taktart, den harmonischen Bau und die motivische Struktur des Satzes. Verkürzt, aber dennoch genau genug formuliert bedeutet Agogik die Modifikation des Tempos, das in etwa seit der Wiener Klassik standardmäßig im Titel oder über dem ersten Takt notiert wird. Die Geschwindigkeit wird beispielsweise gedrosselt, wenn ein im Aufbau des Ganzen sinnfälliger Schwerpunktklang erreicht wird. 

Das Beispiel für ein ‚rallentando‘, ‚allmählich langsamer werden‘, stammt aus W.A. Mozarts überaus bekannter Klaviersonate Nr. 11 A-Dur, KV 331 (19.3.2008, TantalosRFH).

Was aber ist das Ziel dieser sehr stark mit der Einstimmung in die emotionale Seite eines Stücks und seiner Aufführungsumstände verbundenen Veränderungen des Tempos oder rhythmischer Figuren, auch oder gerade wenn diese vom Komponisten nicht vorgegeben wurde – wie bei einem Großteil notierter Musik vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts? Es geht um Feinarbeit am Ausdruck im Sinne einer werkgerechten Performance. Diese spezifisch musikalische Nuancierung dient aber nicht nur der genaueren Befolgung der Idee eines Komponisten oder Dirigenten, sondern versetzt ein Orchester in eine schwingende, häufig wiegende oder wellenförmige Bewegung, die auch den Gesetzen der gleichmäßigen Verteilung folgt. Was damit bewirkt wird, ist schlicht gesagt den richtigen Ausdruck zu treffen.

„Stringendo“ bedeutet in einer etwas angestaubten Nomenklatur „eilend werden“ (Beispiel aus: Liszts h-Moll-Sonate, Edition Peters, 1853, D p.d.).

Aus der Sicht des Dirigenten oder Konzertmeisters ist es wichtig, ein Konzept zu haben, wie der Bogen über den gesamten Satz oder ein ganzes Werk gespannt werden kann. Agogik bedeutet ja ursprünglich „Führung“, womit vorerst die Stimmen gemeint sind. In einem Barockensemble funktioniert die agogisch angemessene Ausführung durch die simultane Justierung zwischen den Musiker(inne)n. Der Zweck von Beschleunigung, Retardation und dem längeren Verharren auf einem Klang oder einer Note jedenfalls liegt darin, dem Konzertieren Geist einzuhauchen und ein Stück nicht wie ein Uhrwerk abschnurren zu lassen.

Hugo Riemann (1849 – 1919) ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Musiktheoretiker des 19. Jahrhunderts. Er beschrieb als erster ausführlich „Musikalische Dynamik und Agogik“ (Hamburg 1884) (Raoul Riemann, CC-Liz.).

Durch akzentuierendes Ritardando aufgrund etwa eines unvermittelt in einer entfernteren Tonart auftauchenden Akkordes oder einer tatsächlichen Modulation, um das Thema darin zu exerzieren. Dazu gehört ebenso das Zögern und die absichtsvolle Pause vor dem Eintritt des Themas zur Verstärkung des Aha-Effekts. Die Dehnung des ersten Tons bei einer Zweierbindung im Sinn eines Rubato und ein harmonischer Vorhalt sind weitere Kunstgriffe, die den Satz für die Zuhörer interessanter machen — und selbstverständlich sind sie nicht erst seit der Frühklassik gang und gäbe, sondern schon so lange wie es abendländische vokale und instrumentale Kunstmusik überhaupt gibt. Mit der Ermittlung der stimmigen Agogik beschäftigt sich die Forschung zur Aufführungspraxis seit vielen Jahrzehnten.

Literatur u.a.
William Earl Caplin: Hugo Riemann’s Theory of „Dynamic Shading“. In: Theoria I. 1985, S. 1-24.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.