Massive Attack V Adam Curtis in der Duisburger Kraftzentrale

„Now find your own way home“ ist auf den elf großen Projektionsflächen in der Duisburger Kraftzentrale zu lesen. Es ist das Ende einer 90minütigen Film-Performance mit Massive Attack. Zu vier Deutschlandkonzerten waren die Trip-Hop-Pioniere aus Bristol zu Gast im Rahmen der Ruhrtriennale. Sie spielten zu einer Filmcollage des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis. Das war kein Kino, kein Konzert, sondern ein Manifest aus Bild und Sound in der 170 Meter langen Kraftzentrale im ehemaligen Hüttenwerk Duisburg-Meiderich.

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Copyright: James Medcraft: Massive Attack V Adam Curtis, Manchester International Festival 2013

Copyright: James Medcraft: Massive Attack V Adam Curtis, Manchester International Festival 2013

Für eine andere Welt
Die Botschaft lautet „You can change the world“. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, auch wenn die großen Global Player es gerne hätten, dass alles nach Plan liefe. Der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis hat Bildmaterial aus den vergangenen fünf Jahrzehnten zu einer gewaltigen Collage zusammen geschnitten. Am Lebenslauf einiger Protagonisten interpretiert er die Weltgeschichte nach dem Ende des Kalten Krieges.

Pop Art, Punk und Taliban
Da ist beispielsweise die vergessene Pop-Art-Künstlerin Pauline Boty, die auf eine Krebstherapie verzichtet, um das Leben ihrer ungeborenen Tochter zu schützen. Diese wiederum stirbt Mitte 1990er Jahre an einer Überdosis Heroin in Los Angeles. Curtis verwebt die Geschichte des frühen Sowjetpunks Jegor Letov mit der des Glücksspielgenies Jess Marcum. Er bringt Filmdokumente über die Exekution der Ceaucescous, zeigt Häusersprengungen, sibirische Landschaften, Angsträume oder Taliban-Kämpfer, die fasziniert bis ungläubig einer elektrischen Barbie beim Powackeln zuschauen.

Wummernde Basswellen
Elf Projektionsflächen umgeben das Publikum im hinteren Teil der gigantischen ehemaligen Industriehalle. Hinter der dreiteiligen Front sind die Musiker von Massive Attack. Hin und wieder werden sie von Lichtkegeln erfasst und so für das Publikum sichtbar. Ihr Sound ist gewaltig. Eine Collage aus eigenen Stücken, Interpretationen anderer Songs, Filmvertonung und ungeheurem Bassgewitter. Die Nasenflügel beben uns allein von den unhörbaren Druckwellen der tiefen Bässe. Die Sängerin Liz Frazer (Cocteau Twins) und der Roots-Reggae-Sänger Horace Andy performen einige Songs mit ihren so charakteristischen Stimmen. Das Live-Spiel zu den Bildern ist geradezu perfekt.

Brutal wie der Krieg
Eine Stimme aus dem Off erzählt über den gescheiterten Versuch, die Welt zu managen und über die Diktatur des Digitalen. Die Kombination der Musik von Massive Attack mit den Bildern des BBC-Filmers Curtis verstärkt nicht nur die Aussagekraft der Bildzusammenstellung. Vielmehr erklingt der Sound von Massive Attack ganz deutlich als musikalischer Kommentar zum Weltgeschehen. Er klingt so brutal wie der Krieg und setzt gleichzeitig ein deutliches Statement gegen den Krieg. Ein dichtes Spektakel, dass alle Sinne fast bis zur Betäubung beansprucht.

Am Ende allein                                                                                                                                 Ganz zum Schluss müssen wir unseren Heimweg durch Nebel und Gegenlichtscheinwerfer allein finden. Massive Attack haben keine Zugabe gegeben und es war uns nicht zum Tanzen zu Mute. Manche Massive Attack Fans waren enttäuscht über die immerhin als Konzert annoncierte Veranstaltung, mancher Triennale Besucher erschlagen von der Wucht der Bilder und Klänge. Erschöpft waren wir alle. Es war fantastisch.
Die Show wird nach Manchester und Duisburg noch in New York zu sehen sein.

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