Rezension: (Literaturzeitschrift) Haller 8 / Ins Auge blicken / Off-Texte und Bilder

Ein funktionierendes Auge kann Lichtreize in optische Wahrnehmung verwandeln. Der biologische Vorgang dabei ist ein recht komplexer: Der Erregungszustand lichtempfindlicher Nervenzellen wird durch die unterschiedlichen Wellenlängen elektromagnetischer Strahlung verändert. Beim Menschen beispielsweise wandern diese Informationen über Sehnervenbahnen zum Sehzentrums des Gehirns, wo abschließend ein „Korrespondenzbild“ aus ihnen zusammengestetzt wird. Das passiert jedenfalls als Erstes, wenn man sich Werbung ansieht:

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Quelle: Ulrich Laven Gestaltung: Michael Haitel

Coverbild/Illustrationen Innenteil: Ulrich Laven

…oder sich in einem Buch vergräbt. Die Buchstaben werden vom Leser im Kopf zu Wörtern und Sätzen umgedeutet, bevor sich ein bildübergreifender Kontext erschließt. Nicht in Lichtgeschwindigkeit, lustigerweise. Die Literaturzeitschrift Haller – ein Buch, eine Anthologie, präziser gesagt – beschäftigt sich nun in ihrer achten Ausgabe mit eben diesem Thema. Und auch wieder nicht.

Das Textkonglomerat von 31 Autoren und Autorinnen greift auf 196 Umfang zum Titel „Ins Auge blicken“ nach (Meta-)Bedeutungen des Auges. Die Genres sind so vielschichtig abgedeckt wie es Farben gibt, und jede Geschichte kommt mit einer eigenständigen Idee und eigenem Charakter daher. Erstaunlicherweise stört die einer Anthologie anhaftenden individualistische Schreibvielfalt den Lesefluss in kaum nennenswerter Weise – was der geschickten formalen Struktur des Layouts und dem teilweise hohen stilistischen Niveau der Beiträge zu verdanken ist. So viel an dieser Stelle zur These „Viele Köche verderben den Brei“. Im Gegenteil, es spielt dem Titel sogar geschickt ins Blatt, dass Verlegerin Corinna Griesbach ihrer Textauswahl sehr breitflächig begegnet ist:

Sabine Frambachs Farbenblind entpuppt sich als schaurige kleine Horrormär über schwindende Farbverarbeitungsfähigkeit und lässt mich wegen der zunehmenden Isolation der Protagonistin gelegentlich an José Saramagos Stadt der Blinden denken. Bei Anna Straetmans irgendwie kafkaeskem Augenesser wate ich durch den Surrelismus, und Janna Conrad zieht mich ironisch gekonnt in den paranoiden Wahn eines pensionierten Datenschützers. Der Titel erhebt die Geschichte zur bitteren, sozialkritischen Satire.
Auch Dominik Rau nutzt mit Abendbegegnungen in tollen Sprachbildern die Prosa als Katalysator des trügerischen Sinnesorgans. Hier geht es allerdings um die Frage nach der Ausgestaltung unserer Realität und der Grenze zur Oberfläche. Was verbirgt sich wirklich hinter den Gesichtern, von denen wir Informationen ablesen? Der spannend gestrickte Plot um ein freundschaftliches Treffen vollzieht im Laufe des Abends einen recht ungemütlichen Schwenk auf eine schaurige Wahrheit.

Summa summarum kann man wohl festhalten, dass der Gesamtton des Sammelbandes ziemlich düster daherkommt: David Lynch-Justiz schreibwütiger Literaten. Da bleibt kein Auge [ — ]. Auch das einer Kamera oder das eines Sturmes nicht. So wie ich die achte Ausgabe der Literaturzeitschrift Haller gelesen habe, ist sie jedenfalls vor Allem dann sehr empfehlenswert, wenn man mal etwas über reflektieren möchte, das man zwar den ganzen Tag benutzt, dem man aber für gewöhnlich wenig Beachtung schenkt: Dem eigenen Auge. Darüber hinaus hat man es mit insgesamt gutgeschriebener Kurzgeschichtenkost für Zwischendurch zu tun.

Gestaltung: Miachel Haitel
Verlag, Herausgeberin, Redaktion, Lektorat: Corinna Griesbach

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Über Bowls Götzke

Bowls Götzke | Musiker, Schreiber, No-Budged-Filmemacher, Manager, Künstler, Motto: .sTyle ist nicht alles, aber ein Tyle davon.