Nine Inch Nails: „Hesitation Marks“ – Kopie einer Kopie

Gerne gönnen sich Künstler eine Auszeit, um sich anderen Projekten zu widmen, die sich dann wiederum inspirierend auf das Hauptwerk auswirken. So zumindest sah es auch Trent Reznor. 2009 legte er Nine Inch Nails auf Eis. Dazwischen bastelte er zusammen mit Atticus Ross annehmbare Soundtracks für „The Social Network“ und der amerikanischen Kinofassung von „Verblendung“. Prompt regnete es Auszeichnungen, darunter auch der OSCAR. Kurz gesagt: Was der Mann anfasst, wird immer irgendwie zu Gold.

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Von Altersmilde geprägt: Nine Inch Nails (Quelle: Polydor)

Von Altersmilde geprägt: Nine Inch Nails
(Quelle: Polydor)

Das sollte aber einen nicht abschrecken, sich die neueste Scheibe des Industrial-Pioniers mit einem scharfen Auge respektive Ohr zu Gemüte zu führen. Trent selbst spricht von einem „wahnsinnig gut gewordenen“ Album – alles andere wäre ja auch eine Überraschung gewesen. Dennoch scheint sich beim Endvierziger ein wenig die Altersmilde einzuschleichen.

Schon mit seinem letzten Projekt How To Destroy Angels entlockte der Musiker erstaunlich ruhige Klänge aus seinen Rechnern. Das hat sich auch auf „Hesitation Marks“ ausgewirkt – was nicht unbedingt positiv zu verstehen ist. Denn NIN steht in der Regel für Dreck, Ecken und Kanten, Abgründe und seelisches Gemetzel.

Doch was ist „Hesitation Marks“? Manchmal pluckert es völlig elektronisch-belanglos wie in „Disappointed“ dahin, ehe mit „Everything“ ein Ausflug in die Welt des Inide-Gitarren-Pop unternommen wird – Gott weiß, warum. Und immer wieder beschleicht einen das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben. Und zwar in besser. Wie beispielsweise „All Time Low“, das sich wie eine handzahme Version von „Closer“ geriert.

Fairerweise muss dazugesagt werden, dass die Stücke per se immer noch genügend Substanz bieten. Es ist wirklich nicht alles schlecht, was Trent und sein neu zusammengewürfelter Haufen da produziert haben. Aber für eine Alternativ-Institution, die mit „The Downward Spiral“ (1995) und „With Teeth“ (2005) regelrechte Subkultur-Manifeste veröffentlichte, fällt „Hesitation Marks“ deutlich ab. Der erste Song kann es nicht besser ausdrücken: „The Copy Of A Copy“

Nine Inch Nails „Hesitation Marks“ ist am 3. September erschienen (Polydor)

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!