New Order – vorläufiger Abschied mit Lost Sirens

Obwohl die beiden Frontmusiker von New Order Bernard Sumner und Peter Hook seit geraumer Zeit nicht mehr auf vertrautestem Fuß standen, ist mit dem diesjährigen Album doch eine erstaunlich ausgeglichene Folge von Titeln entstanden, in denen sich das elektronische Equipment nicht in den Vordergrund drängt, sondern einfach einen Teil des Instrumentariums ausmacht. Nun steht ein Wechsel an: Der Gitarrist Phil Cunningham ersetzt Gillian Gilbert, die am Keyboard stand, jetzt aber pausiert, der Bassist Tom Chapman von Bad Lieutenant ist nun statt Bernard Sumner dabei – ein munteres Wechselgeschäft zwischen ehemaligen Partnern also.

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Lost_Sirens

New Order: Lost Sirens, 2013 (www.zoo-records.com)

Die Band steht seit jeher für eine weit gespannte Mischung aus Dancefloor-Synthiepop und eher kühlem britischem Indierock. Es sind hier zwar keine Ausbrüche in etwas völlig Neues zu verzeichnen, doch musizieren alle Beteiligten in friedlicher Atmosphäre, als hätte es Indignationen nie gegeben. Insbesondere die Vokalparts wirken ausbalanciert, ohne dass sich jemand durchsetzt. Die von Abschieden und Neubesetzungen geprägte Ausgangslage für dieses „Abschiedsalbum“ spiegelt schon der Titel Lost Sirens, wobei aber von Melancholie nichts zu spüren ist …

Insbesondere die Titel „Sugarcane“, „Californian Grass“ und „Hellbent“ lassen aufhorchen angesichts der jeweils sehr unterschiedlichen Klangfarben der Rhythmusgruppe, die in der sicher demokratisch korrekten, etwas indifferenten Grundstimmung einige erfrischende Akzente setzt. Lediglich „Shake It Up“, ein sehr tanzbar angelegter Song, kommt mit dem insistierenden Refrain eine Spur zu konventionell herüber, während die ebenfalls belebte Schlussnummer „I Told You So“ in ihrem stakkatierten, vorwärtsdrängenden Ton noch einmal ältere Zeiten heraufholt und vielleicht einen Ausblick in Zukünftiges eröffnet. Das vorletzte Stück, „I’ve Got a Feeling“, ist eine gelungene Reminiszenz an die Beatles-Epoche,  mit der New Order sonst wenig Gemeinsames verbindet. Insgesamt stellt die CD eine bemerkenswert partnerschaftliche vorläufige Abschlussarbeit für die „verlorenen Sirenen“ (wenn man sie als Einheit der letzten Jahre versteht) dar.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.