„ … Namentlich ist er Meister in Beherrschung kleinerer Formen“

Anders als die gut erhaltene Predigerkirche in Erfurt wurde die Kirche des Barfüßerordens durch Bomben im Zweiten Weltkrieg großenteils zerstört, sie dient heute als Kulisse für Freilichtspiele; so wurde in diesem Sommer Shakespeares Drama Romeo und Julia hier aufgeführt; das Stück ist natürlich wie geschaffen für die Atmosphäre der in der untergehenden Abendsonne geheimnisvoll wirkenden Ruine. Im 13. Jahrhundert gehörte ein Franziskanerkloster zur Gesamtanlage. Der wieder aufgebaute Chor des Kirchenschiffs beherbergt heute auch das Museum für Mittelalterliche Kunst.

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Ruine der Barfüßerkirche Erfurt – eine der ehemaligen Wirkungsstätten des Komponisten Michael Gotthard Fischer (Andreas Praefcke)

Dies alles hätte sich der Organist und Komponist Michael Gotthard Fischer, vor 240 Jahren, 1773 geboren im nahe Erfurt gelegenen Ort Alach, sicher nicht träumen lassen. Die Kirche war nämlich – nach der Predigerkirche, wo sein Lehrer Johann Christian Kittel (1732 – 1809) gewirkt hatte  – einer seiner Arbeitsplätze.  Fischer hatte Kittels Amt Jahre zuvor als sein Nachfolger übernommen und erhielt 1816 schließlich am Lehrerseminar eine Dozentenstelle für Generalbass und Orgel. Zu seinen Schülern zählte später übrigens August Gottfried Ritter (1811 – 1885), ein ebenso fleißiger Geiger, Pianist und vor allem Organist, der es bis zur Organistenstelle am Magdeburger Dom schaffte und zum „Königlichen Musikdirektor“ ernannt werden sollte. Durch Kittel, der als Eleve des Erfurter Ratsgymnasiums im Alter von 16 Jahren nach Leipzig reiste, um Schüler von J.S. Bach zu werden, kann Fischer als dessen Enkelschüler bezeichnet werden, ein Erbe, dem in seinen Werken nachzuspüren wäre.

Wie M.G. Fischers Biograph Moritz Fürstenau zu berichten weiß, plagte diesen schon zwei Jahre vor der Übernahme des Lehramts ein Gichtleiden, das sich weiter verschlimmerte und ihm schließlich auch das Orgelspiel unmöglich machte. 1829 starb Fischer in Erfurt, der Stadt seines Wirkens. Wichtiger als diese lebensgeschichtlichen Informationen ist jedoch der beachtliche Werkkatalog des Komponisten, bestehend aus vielerlei Vokal- und Instrumentalkompositionen für Soloinstrumente, sowohl für kleine als auch große Besetzungen.

Einen nachhaltigen Bekanntheitsgrad erlangten allerdings im Wesentlichen die noch heute edierten und erklingenden Orgelkompositionen, davon sind insbesondere die 12 Orgelstücke op. 4 (1802) zu erwähnen und  Classische Orgelcompositionen zum Studium und zum Gebrauche beim öffentlichen Gottesdienste. Neue correcte Gesammtausgabe in 9 Heften (nach 1840). Fischer war zudem Schöpfer eines vierstimmig gesetzten  Evangelischen Choralmelodienbuchs mit Vor- und Nachspielen. Nicht vergessen werden sollten auch seine Motetten und Arien für Singchöre, 12 Gesänge zur geselligen Freude sowie Quintette und Quartette für Streichinstrumente, Sinfonien für Orchester, Klaviersonaten, daneben Konzerte für Klarinette, Fagott und weitere Instrumente. „Meister“ der „kleineren Formen“ nannte ihn Fürstenau wohl deshalb, weil den Erfurter Musiker beinahe nur seine Orgelkompositionen nachhaltig überlebt haben …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.