Aus dem Land der großen weißen Wolke – Programmatisches von Douglas Lilburn

Etliche der kürzeren symphonischen Werke des Neuseeländers Douglas Lilburn (1915 – 2001) weisen eine deutliche emphatische Verbindung zu Ensembles oder Elementen der heimatlichen Landschaft auf. Hierzu gehören neben der Ouvertüre Aotearoa (Maori für „Land der großen weißen Wolke“) von 1940 und Drysdale Overture (1937, revidiert 1986) die Tondichtungen Forest (1936) und A Song of Islands (1946). Hinzu kommen Gelegenheitskompositionen, die auf bestimmte gesellschaftliche und gesellige Anlässe zugeschnitten sind: Festival Overture (1939) oder A Birthday Offering (1956) und Processional Fanfare (1961, revidiert 1985) nach einer bekannten Melodie.

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Neuseeland September 2009 060

Neuseeland, Nordinsel (H.-P. Mederer)

In spätromantischer Weise und in einer von der modernen expressiven Symphonik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflussten Diktion knüpfen diese Orchesterwerke an die nationalromantische Symphonik aus Europa an, beinhalten aber einige eigentümliche Stilmerkmale, etwa die Überlagerung verschiedener harmonischer Verläufe, flirrende Glissandi in einzelnen Instrumentengruppen oder abrupte einfallsreiche Melodie- und Metrumwechsel, die sie als genuin „neuseeländisch“  erscheinen lassen. Die Nordinsel, genauer: eine Farm in Drysdale, wo er aufwuchs, ist der ursprünglichste geographische Bezugspunkt des Komponisten. Die Erinnerung an den Ort war der Anlass für Drysdale Overture, eine ebenso muntere, emotional gestimmte wie nachdenklich-tiefsinnige Hommage.

Lilburns Verdienste als Londoner Schüler Ralph Vaughan Williams‘ (1872 – 1958) liegen seit seiner Rückkehr nach Neuseeland 1940 vor allem in Ausbau und Förderung des öffentlichen Musiklebens; in Wellington folgte er schließlich 1970 einer Berufung als Professor. Erstaunlich ist der spätere Wandel in Lilburns ästhetischer Ausrichtung als Tonkünstler: Mit Beginn der 1950er Jahre öffnete er sich für die Zwölftonmusik in der Tradition Schönbergs und den Serialismus. Nach 1960 schrieb er kaum noch Werke für herkömmliche Besetzungen, sondern widmete sich fast ausschließlich elektronischer Musik, dies ein paralleles Phänomen zu den Studioexperimenten der Dänin Else-Marie Pade und des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen.

Lilburns frühere programmatisch orientierte Musik liegt in einer bemerkenswert farbenreich gestalteten Aufnahme mit James Judd und dem New Zealand Symphony Orchestra vor (Orchestral Works, Naxos 8.557697, The Scottwood Series), bei der vor allem die Holz- und Blechbläser und die Streicher brillant in den Vordergrund treten, ein meisterhaftes interpretatorisches Porträt der Landschafts- und Lebensimpressionen eines Komponisten von der anderen Seite der Erde …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.