Mein erstes Mal – Temple of Love und keine Zukunft

1985. Dass meine Freundin Nico ihren 18. Geburtstag mit der Vorgruppe der „Toten Hosen“ feiern wird, ist purer Zufall. Sie hat die Jungs bei einem heimlichen Abstecher nach Duisburg kennengelernt. Lehre des Konzerts: Während sich Mülheimer Gymnasiasten aufführen wie „The Exploited“ sollte man nicht zimperlich sein. Oder zwischen stachelbewaffneten Lederjacken auf Tauchstation gehen. Wer Pogo tanzt, muss leiden.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Zu Hause angekommen, zeigt sie mir ihre blauen Flecken und wir kichern darüber, dass uns eine Riesenparty erwartet. Sturmfrei, Alkohol, Drogen, Almost famous-Stars in Leder – eine solche Party zugedröhnt im Vorgarten zu begehen, habe ich nicht vor. Dazu bin ich zu sehr Erfahrungsjunkie und Erfahrungen sollten echt sein. Und bestenfalls rhythmisch.

Quelle: cs.wikipedia Bild: Andreas CZ/Fiedler

Quelle: cs.wikipedia
Bild: Andreas CZ/Fiedler

Ritter des Lebensgefühls
Der Musikmarkt ist in jenen Tagen eine kommerzielle, keine musikalische Schlacht. Zwischen die Fronten des durchgestylten Wave, sterbenskrank röchelndem Melody-Rock und Metzel-Metal aus der Konserve, schickt der Punk seine Ritter ein letztes Mal aufs Schlachtfeld. Mit Erfolg. Diese Bands sind Antagonisten und Vorreiter für so ziemlich jede unkommerzielle Bewegung der folgenden Jahre.

Extrabreit und zugemauert
Und ich? Ich mag Ritter – denn ich bin eine so gar nicht zimperliche Freifrau des Musikgeschmacks und habe den Schlüssel zu meinem Keuschheitsgürtel selbst unter Verwaltung. Ich gehöre zur ersten Generation Frauen, die Antibaby-Pillen nachgeworfen bekommen und bin in der glücklichen Lage AIDS noch für eine Fixer- und Schwulenkrankheit zu halten. Heroin kommt ohnehin gerade aus der Mode – und mein Beutemuster ist so hetero, wie es gegengeschlechtlicher nicht mehr geht. Und meine Mauern sind Extrabreit.

Auf der Fête meiner Freundin reisse ich tatsächlich den Drummer auf. Unsere Bettgeschichte verspricht Großartiges. Doch als ich nach mehreren unserer atemlosen Treffen, dann den ersten Liebesbrief von ihm lese,  bin ich plötzlich kein Vorgruppen-Groupie mehr. Ich finde mich am Mittagstisch seiner Familie wieder, bei Blumenkohl, Bratwurst und kultivierten Gesprächen, während mir die Ratte auf seiner Schulter freundlich zuzwinkert. Und ich fühle mich sauwohl damit!
Was passiert hier? Nähe? Bloss nicht!
We’ll fade to grey! When Winter kills! This is not a love song!

Ich flüchte noch am selben Abend. Vor einer Horde Skins auf dem Duisburger Hauptbahnhof und aus seinem Leben. Irgendwann holt sie mich dann doch ein – die Zukunft – als ich mich im Dezember 1986 endlich richtig verliebe. Im „Temple of Love“ ist doch jedes Mal, das erste Mal. Oder nicht?

In the temple of love you hide together
Believing pain and fear outside
but someone near you rides the weather

and the tears he cried will rain
on walls as wide as lovers eyes

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.