Geschmackvoll und sündensüß – Nick & Junes Album Flavour & Sin

Flavour & Sin – das Debutalbum von Nick & June präsentiert sich optisch melancholisch, bescheiden und hübsch. Winterbaum mit Schaukel, Eule und Dachs als klassische Radierung. Doch die grünen Blätter zum Baum kommen mit der Musik – denn tatsächlich führen Nick & June den ungepluggten Folkrock, der ihren Stil prägt, als Multi-Instrumentalisten mit frühlingshafter Leichtigkeit vor.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Nick-June-flavor-sin

Quelle: www.nickandjune.com/Artwork: Alisa Wimmer

Leise Töne – gute Laune
Im Frühjahr vorletzten Jahres wurde die Zweimann-Band aus der Taufe gehoben. Ihre Popularität steigt stetig – glücklichweise, denn gerade Musikprojekte dieser eher unaufdringlichen Art versanden gerne zwischen den Popkonserven der Musikmarktbeherrscher. Seltsamerweise macht mir diese gefällige, hübsche Musik vor allem eins: Mit leisen Töne gute Laune. Vielleicht weil sie effektfrei ist und ungekünstelt solide Musikqualität mit Ohrwurmfaktor bietet?

 

Flehen mit Gefühl
Nicks Stimme erinnert ein wenig an Balladen von Oasis – und das meine ich durchaus als Kompliment. Ich habe mir oft gewünscht, dass Liam Gallagher seine sensible Stimme mehr als lebendigen Gefühls-Ausdruck versteht, statt sie gegen den Britpop-Hall anschreien zu lassen.
Nick kann das. Schon im ersten Stück des Album brilliert er mit seinen leisen Tönen, die zerrend, flehend und manchmal auch bedrückt herüberkommen. Seine Stimme ist ein Instrument und er hat das offensichtlich verstanden. Dann plötzlich – wie in Annie Hall, dem zweiten Stück des Albums, zwitschert etwas dazwischen. So als ob ein kleines Mädchen mit Zöpfen plötzlich zum Rhythmus der Melodie beginnt, Seil zu springen. June singt mit. Das Timbre einer Cranberries-Sängerin -schon wieder ein Kompliment! – und dazu ein heiteres Kichern. Einfach hübsch – richtig hübsch!

Kann Ballade Sünde sein?
Sympathisch quietschen und schrebbeln bei Rain in June Metallsaiten und Bünde, so als hätte der Tontechniker ein Richtmikro auf den Hals der Gitarre gehalten. Ein halbnasser Unterstand, der Horizont in Gewitterstimmung, feuchte Leinenkleider – Rain in June eben. Die musikalische Illusion ist perfekt. Geschmack ist also da. Aber Sünden entdecke ich auf Flavour & Sin keine weiteren oder sie gehören durchaus zur Regie des jeweiligen Songs. Natürlich hört es auch wieder auf zu regnen und die Sonne kommt zurück. Und mit ihr warmer Wind und der Tophit des Duos mit den tausend Möglichkeiten.

www.clipfish.de/musikvideos/video/3995451/nick-june-little-things

Little things, die Freude an der Liebe und anderen Kleinigkeiten, schwebt im Sommerlicht wie eine schillernde Libelle über meinem Subwoofer, der reichlich wenig zu tun hat. Angenehmerweise.

Ein großartiges Versprechen
Am besten gefällt mir jedoch Fall for me, ein Song, der mir dann auch musikalisch mutig und experimentell genug ist. Schließlich sind Nick & June noch nicht lange auf dem Erfolgsweg und die Bluesriffe und psychodelische Harmonien versprechen Großartiges. Sie erinnern mich an „Space Oddity“ von Bowie. Auch das ist einer meiner Evergreens und damit schon wieder ein Kompliment. Gerade wenn Nick & June mit Solve my mystery noch einmal zum Genauhören herausfordert haben, folgt der Homesick Blues.
Wieder eine Erinnerung: Meinerseits an eine recht komplizierte Fernbeziehung mit Happy End – nur dass Nick & June diejenigen sind, die sich ordentlich gegenseitig vermissen. Kann ich verstehen. Und damit hätte man wohl das Geheimnis des Duos gelüftet – sie machen nachvollziehbare, spürbare Stimmungsmusik. Sie passt dazu, an einem verrregneten Herbsttag einen Schuhkarton voller Fotos zu durchwühlen, wenn die Bilder zu neuem Leben erwachen, sobald man sie mit den dazugehörenden Erinnerungen verknüpft.

Doch! Flavour & Sin gefällt mir und ich bin gespannt auf die musikalische Entwicklung meiner neuen Local-Heroes. „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“, trifft eben nicht immer auf mich zu.

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.