Die Luren: Signalhörner der Bronzezeit?

In der nationalromantischen Aufbruchphase neigten Kulturschaffende in Dänemark dazu, die im skandinavischen Raum sowie in Norddeutschland und Lettland aufgefundenen so genannten Luren als Fanfareninstrumente zu interpretieren, die von Wächtern, Herolden und bei repräsentativen Aufmärschen gespielt worden sein sollen. Doch da andere Sachzeugnisse aus der Bronzezeit nur spärlich vorhanden sind, war dies eher eine vage, wenn auch aus funktionaler Perspektive plausible Annahme. Leider lässt es sich nicht mehr eindeutig ermitteln, ob diese Instrumente nicht auch verwendet wurden, um Musik um ihrer selbst willen erklingen zu lassen …

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Die schwedische Musikforscherin  Cajsa Lund kam zu dem Schluss, dass die Luren weniger – wie um 1930 noch vermutet – zu staatlich repräsentativen Zwecken wie etwa im Krieg zum Einsatz kamen, sondern – nach den Gräberfundorten zu urteilen – eher rituell-festlichen Aufgaben diente. Funde anderer Art bestätigen diese Annahme. Gerätschaften, Steingravuren und Schmuckgegenstände zeigen nämlich, welch umfassende Bedeutung rituellen Akten und religiösen Vorstellungen zukamen. Dikönnte auch auf eine höhere soziale oder dem „Priester“ nahestehende Position der Lurenbläser selbst hindeuten, die möglicherweise derjenigen von Schamanen, Magiern oder Medizinmännern[ähnelte.

Die insgesamt 59 Fundstücke von Ende des 19. Jahrhunderts, von denen diejenigen aus Dänemark mit 36 Exemplaren überwiegen, bestehen vollständig aus Bronze. Die Biegungen der beiden miteinander verbundenen Rohrteile stehen beinahe in rechtem Winkel zueinander. Das Mundstück ist topfförmig, während die am anderen Ende angebrachte runde Schall-Platte, die als Glockenplatte bezeichnet wird, dekoriert ist. An einigen Luren findet sich eine weiter unten am Rohr – in der Regel an der Verbindung zum unteren Teil – wiederum angehängte Kette, die eventuell auch zum Tragen des Instruments diente.

Die S-förmigen Luren sind mit kleinen herabhängenden Plättchen bzw. Klappern versehen. Es wurde vermutet , diese sollten den Klang ergänzen, dekorativ sein, den Status des Spielers betonen und könnten einen „magischen“ Sinn gehabt haben. Außerhalb des Hauses zeigte sich, dass die Klappern schon bei leichtem Wind tönen bzw. wenn der Spieler sich mit dem Instrument bewegt. Die Kette muss nicht als Tragegurt verwendet worden sein, sie könnte auch dazu gedient haben, das Instrument aufzuhängen. Allerdings glauben einige Forscher wie Ellen Hickmann im Vergleich mit Musikinstrumenten anderer Kulturen, dass sie – wegen ihrer dekorativ ausgeprägten Gestaltung – wohl eher das Klangbild ergänzt haben kann und weniger einen praktischen Zweck erfüllen sollte.

Der erste und größte Fund geht auf den Bauern Ole Pedersen von Fuglerupgård bei Lynge in der Kommune Allerød zurück, der im Alter von 79 Jahren (1797) beim Torfstich die sechs Bronzeinstrumente entdeckte. Die gefundenen Stücke lassen sich jeweils nach der Richtung des gebogenen Teils mit dem Mundstück und nach der Zahl der Ausbuchtungen auf der Schildplatte um die Ausmündung unterscheiden. Demnach gab es sowohl Luren mit 6 oder 7 als auch 8 Ausbuchtungen. Unter dem Mundstückansatz, der dem der modernen Trompete ähnelt, sind in der Regel 5 Ringe am Rohr angebracht, an denen jeweils ein repräsentatives trapezförmiges Pättchen hängt, das sich nach oben verjüngt und heute etwa gebräuchlichen Ohrringen ähnelt. Von der unteren Seite der Schildplatte hängen 2 bis 4 schlüsselförmige an Haken befestigte Hämmerchen herab, die in gewisser, aber kaum verstärkender Weise den Klang des Instruments beeinflusst haben.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.