Hanzel und Gretyl auf Deutschlandtour: Lederhosen, Industrial und komische Grammatik

Wenn man als Deutscher über ein Album stolpert, das „Born to be Heiled“ heißt, ist die spontane Reaktion darauf erst einmal, alle Exemplare davon bei Amazon zu bestellen und anschließend im Garten zu verbrennen. Aber allgemeine Entwarnung, die Mistgabeln können wieder eingepackt werden: Denn was die amerikanischen Industrial-Metaller Hanzel und Gretyl da auf die Menschheit loslassen, ist rein sarkastisch zu verstehen, auch wenn sie es durch ihre Erscheinung wirklich mit aller Kraft auf Provokation anlegen.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Die Gretyl zum Hanzel: Vas Kallas (Foto: Againstthegrainphotography.com)

Die Gretyl zum Hanzel: Vas Kallas (Foto: Againstthegrainphotography.com)

Jedoch mit einem Batzen zynischem Humor: Ihre Liedtexte bestehen aus meist sinnlosen deutsch klingenden Sätzen wie „Fikk dich mit Fire“ oder „Lederhozen macht frei“. Das krachende Elektro-Geschredder mit dem Kommando-Geschrei von Sängerin Vas Kallas parodiert sich selbst mit Audiosamples aus politischen Reden und dann müssen auch noch die Outfits bestehend aus Lederhosen oder Armeeuniformen mit optischer Anlehnung an das Dritte Reich hinzu gezählt werden – heraus kommt eine Persiflage, die schräger nicht sein könnte.

Wer sich jedoch darauf einlässt und damit klarkommt, dass Amerikaner eine wesentlich lockere Einstellung zur deutschen Vergangenheit haben, als wir hier zu Lande, und die schrille Provokation mit einem Schmunzeln auffasst, bekommt auf der Deutschlandtour der beiden „Märchengestalten“ eine sehenswerte Show geboten. Musikalische Virtuosen sind die zwei polarisierenden New Yorker zugegebenermaßen nicht, dafür zerschreddern sie mit dem knallharten Gitarrensound von ihren insgesamt nun sechs Alben alles, was in Reichweite kommt. Und soziologisch interessant konnte der Abend auch werden, denn keine nichtfaschistische Band provozierte jemals vor deutschem Publikum in derart explosiver Weise.

Was der Herr und die Dame über dieses Erlebnis dann selbst zu sagen haben, ob sie gern Bratwurst essen, jemals richtig deutsch gelernt haben oder womöglich sogar völlig durchgeknallt sind, ist in unserem Interview mit ihnen nach dem Hamburg Konzert zu lesen. Bis dahin: Happy Sauerkraut!

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.