Emotional, musikalisch und szenisch starke Tosca in Kassel

Im Opernhaus des Kasseler Staatstheaters ist der Saisonauftakt geglückt. Mit der Premiere von Puccinis beliebter Oper Tosca konnte das Team um die Regisseurin Adriana Altaras und den Dirigenten Yoel Gamzou gleich zu Beginn ein Glanzlicht setzen, das musikalisch verzauberte und szenisch überzeugte. Der Regieansatz bewegt sich dabei durchaus in traditionellen Bahnen und das Bühnenbild von Etienne Pluss sowie die Kostüme von Yashi Tabassomi erzählen die Geschichte um Machtmissbrauch und Freiheitskampf in zwar modernen, aber doch zeitlos klaren Bildern.

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Johannes An (Mario Cvaradossi) und Mirjam Tola (Floria Tosca) (Foto: N. Klinger, Quelle: Staatstheater Kassel)

Johannes An (Mario Cvaradossi) und Mirjam Tola (Floria Tosca)
(Foto: N. Klinger, Quelle: Staatstheater Kassel)

Schon als der Vorhang aufging war dem Publikum eine gewisse Erleichterung anzumerken: der erste Akt spielt tatsächlich erkennbar in einem Kirchenschiff. Die atmosphärisch starken Bühnenbilder unterstreichen eindrucksvoll die dramaturgische Konzeption. Im ersten Akt wird so vor allem die kalte und von Macht geprägte Welt der Kirche deutlich. Schnell wird aber auch klar, dass die ganz große Stärke dieser Inszenierung in der intelligenten und feinfühligen Personenführung von Adriana Altaras liegt.

Das wird gleich zu Beginn von Dieter Hönig als Mesner Sagristano gekonnt umgesetzt. Kleine Gesten und Aktionen bringen die Figur dem Publikum sofort nahe. Unterstützt von der durchweg hervorragenden Leistung der Sängerinnen und Sänger gelingt es Altaras, aus den Opernfiguren lebendige Menschen zu machen, deren Gefühle und Nöte von der Musik eindruckvoll vermittelt werden.

Daran hat die herausragende Leistung des Orchesters unter Yoel Gamzou entscheidenden Anteil. Gamzou versteht es, die emotionale Qualität von Puccinis Musik voll zum Tragen zu bringen. Dabei deckt er indes an keiner Stelle etwa die Sänger zu, sondern versteht es, sie voll zur Entfaltung kommen zu lassen. Von der Weltklasse trennen ihn eigentlich nur noch Kleinigkeiten, wie das Vermögen, die Spannung und Emotion auch durch verhaltene Klänge zu halten oder die stringentere Durchformung der einen oder anderen Phrase.
Der Höhepunkt des Abends war sicherlich die Arie der Tosca im zweiten Akt, die auch mit viel Szenenapplaus bedacht wurde. Überhaupt war die Besetzung der Rolle mit Mirjam Tola als Gast ein ausgesprochener Glücksfall. Die seit 2010 an der Hamburgischen Staatsoper engagierte Sopranistin bot musikalisch und darstellerisch eine mitreißende Vorstellung. Schon die Art, wie sie sich im ersten Akt bekreuzigte machte deutlich, dass sie voll und ganz in der Rolle aufgeht. Bei der eindringlichen Darstellung im zweiten Akt mögen ihr vielleicht auch die Erfahrungen aus ihrer Jugend in Albanien geholfen haben.

Aber auch die anderen Sänger des Abends überzeugten und stellten die Leistungsfähigkeit des Kasseler Ensembles eindrucksvoll unter Beweis. Johannes An als Cavaradossi konnte mit seinen großen Szenen im dritten Akt Glanzpunkte setzen, Hee Saup Yoon war ein überzeugender und klangschöner Angelotti. Espen Fegran spielte den Scarpia als Tatort-Kommissar und brachte seine Rolle im zweiten Akt zum Glühen. Auch Bassem Alkhouri als Spoletta, Abraham Singer als Sciarrone und Michal Kuzma als Schließer, verstanden es, die Menschen hinter ihren Rollen spürbar werden zu lassen. Die großartige Ensembleleistung wurde komplettiert durch Dominik Hemming, einem Mitglied des Kinderchors CANTAMUS, sowie vom Opernchor und CANTAMUS-Chor des Staatstheaters Kassel.

In der Umbaupause zum dritten Akt trat Spoletta vor den eisernen Vorhang, natürlich wissend, dass Cavaradossi doch erschossen wird, und aß ungerührt Bonbons, die er zum Teil auch verteilte. Teile des Publikums spielten hier mit indem sie lachten, obwohl es doch eigentlich nichts zu lachen gab. Die Grausamkeiten spielen sich im Verborgenen ab: hier hinter dem noch geschlossenen Vorhang, im zweiten Akt im Nebenraum. Das bildet auch eine Parallele zur heutigen Welt. Das versteht man, aber man fühlt es nicht (wie die Lacher zeigen) und darin liegt vielleicht die einzige Schwäche dieser Inszenierung, die sonst so sehr auf Gefühle baut.

Insgesamt aber war es ein musikalisch beglückender Abend, der keine Sekunde Langeweile aufkommen ließ, und eine Aufführung, die man so gerne auch noch ein zweites und drittes Mal ansehen möchte.

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