Im Gespräch mit Desolation

Schmerzhafte Realität, Death Metal, rote Schuhe und Religionslehrer

Nachdem man uns nach der Review ihres neuen Albums „Desoriented“ erst einmal vom Baum schneiden musste, ging es nun in der Hildesheimer KuFa wieder verdächtig nah an die Bahnschienen heran. Dort gaben die Hannoveraner von Desolation ihr Release-Konzert und luden davor noch zu einem keinesfalls deprimierenden Kaffeestündchen ein, bei denen Screamer Johannes Bergmann und Keyboard-Growler Sebastian Thomas über die heutige Welt, das Christentum und den Zauberer von Oz plauderten. Nur wessen Mutter mal auf die Bühne sprang, um Rockstars zu knutschen, bleibt für immer ein Geheimnis…

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Verloren im urbanen Milieu: Desolation aus Hannover (Quelle: desmetal.de)

Verloren im urbanen Milieu: Desolation aus Hannover (Quelle: desmetal.de)

Euer Album „Desoriented“ strotzt geradezu vor Schmerz und Unbehagen, woher kommt denn diese tiefe Depression? Seht ihr eure Musik als Therapie für euch selbst oder wollt ihr bewusst – wie, sagen wir mal, Shining – euren Hörern Schmerz zufügen?

Johannes: Weder noch, wir sind eigentlich ganz entspannte Burschen. Wir sehen die Band wie einen Traumfänger oder eine Art Blitzableiter, der die negative Energie, die in uns schwirrt herausfiltert.

Basti: Johannes als Textschreiber wird ja auch vor die schwere Aufgabe gestellt, immer sehr konkret zu werden, man muss spezielle Worte finden, während mir als Musiker das etwas leichter gemacht wird. Hier kann man mehr von Außen hineininterpretieren und der Hörer kann viel von seinen eigenen Emotionen einfließen lassen. Macht das Sinn? Oh Gott, ich glaube ich war gestern ein bisschen zu lange auf dem Drone-Konzert (lacht)
Aber die Texte werden immer zuletzt geschrieben und wir legen wert darauf, dass die Songs auch ohne diese funktionieren würden, der Gesang ist dann eher das I-Tüpfelchen bei der Sache, und immer von der Musik inspiriert.

Ihr seid ja eh sehr realitätsbezogen, eure Texte handeln nicht von Fantasywelten, wie es oft im Metal gängig ist, sondern sprechen sehr urbane Problematiken an. Verarbeitet ihr auch persönliche Erlebnisse oder eher allgemeinen Weltschmerz?

Johannes: Oft sind es persönliche Probleme, die ich in meinen Texten verarbeite, aber auf dem letzten Album geht es in der Tat sehr ins Gesellschaftliche. Dieses Urgefühl der Desorientierung hat schon lange in mir gegart und irgendwie puzzelte sich dann diese Thematik zusammen. Jetzt, wo die Scheibe fertig ist, fügt sich alles sehr gut zusammen und trifft sich immer wieder bei dem Punkt der Orientierungslosigkeit.
Basti: Ja, es war sehr schön zu sehen, wie sich plötzlich nicht nur die Texte, sondern auch das grafische Konzept, das unser Felix zu dem Album entworfen hat, zu einem großen Punkt zusammengefunden hat.

Ihr saßt sehr lange an der Scheibe, steckte denn von Anfang an ein solch komplexes Konzept dahinter, oder war es am Ende mehr Zufall, dass es sich thematisch so perfekt ergänzte?

Johannes: Es war eher Zufall. Leider hat es wirklich viele Jahre gedauert, bis das Album Hand und Fuß hatte, aber wir machen ja auch alles selbst, die Songs, die Tontechnik, die Vermarktung, die Website, das Merchandise. Und wenn man dann so einen langen Songwritingprozess beginnt, muss die Musik erstmal durch sechs Köpfe und Herzen fließen und wenn man die Zeit HAT und einem keine Plattenfirma mit Terminen und finanziellem Druck im Nacken sitzt, lässt man sich auch gerne mal Zeit.
Basti: Ja, das lädt manchmal natürlich dazu ein sich zu verzetteln und sich zu viel Zeit zu gönnen, andererseits genießen wir diese Freiheit, auch wenn es für die Fangemeinde vermutlich besser ist, wenn man früh ein Releasedatum bekannt gibt und sich dann auch daran hält. Mit so langen Phasen zwischen zwei Scheiben baut man natürlich den Hörerkreis ab und muss ihn sich dann Jahre später wieder neu erschließen.
Johannes: Das soll sich aber in Zukunft ändern und wir haben viel dazugelernt, bandintern und organisatorisch auch. Ich will zwar nichts versprechen, aber wir wollten eigentlich keine weiteren sieben Jahre warten, um die nächste CD zu releasen (lacht)

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.